Macht und Gehorsam - Schule unterrichtet

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Macht und Gehorsam – Schule unterrichtet

Ich stelle in diesem Text eine Reihe provokanter Thesen auf und ich wünsche mir, dass diese als Anlass für weitere Diskussion genommen werden. Aufgrund der beschränkten Länge des Artikels habe ich auf Belege / Textverweise weitgehend verzichtet und hänge stattdessen eine Linkliste an, unter denen einiges an Analysen zu finden sind.

Die Institution, die “Schule” genannt wird und durch die Schulbesuchspflicht nahezu jede/n betrifft oder betraf, ist eines der effizientesten Kontrollsysteme gesellschaftlicher Kontrolle. Der Staatsschule wird das Monopol und Defintionsmacht dessen zugestanden, was wir unter “Bildung” zu verstehen haben. Andere Sichtweisen darauf, wie Lernen organisiert werden kann, werden neben der normierenden Macht der Pflichtschule nicht zugelassen. Auch in sogenannten emanzipatorischen Kreisen herrscht oft die Meinung vor, dass Menschen zum Lernen “zu ihrem Glück” in manchen Fällen eben gezwungen werden müssten. In vielen Berreichen staatlicher Kontrolle haben sich kompetente und kontinuierliche Widerstandsbewegungen gebildet, doch gegen einen der krassesten Zwänge existiert kaum etwas derartiges , nämlich dem, sich als junger Mensch jahrelang dem staatlichen Zurichtung- und Erziehungsmonopol zu unterwerfen. Sogar gegen den Zwangsdienst beim Militär gibt es bessere – vorallem legale – Möglichkeiten der Verweigerung, und falls es nicht klappt: Nach 9 Monaten ist der Spuk vorbei – in der Schule darfst du dagegen mindestens 11 Jahre absitzen. Doch selbst wenn das Monopol nicht mehr staatlich wäre, sondern bei denen läge, die mehr Schotter haben und von mir haben wollen (Privatisierung) oder bei irgendwelchen Leuten, die mir (womöglich noch per “Mehrheitsbeschluss”) ihre “Alternativen” aufzwingen können, wäre der Kampf für selbstbestimmte Bildung in meinen Augen komplett auf dem Holzweg. Zudem ist der Schulzwang keineswegs nur ein typisch deutsches Problem, wie behauptet wird, wenn darauf hingewiesen wird, dass Deutschland das einzige Land sei, in welchem es etwas vergleichbares wie die “Schulpflicht” gäbe. Das verschulte Denken wird von den meisten entwicklungspolitischen Organisationen und Initiativen direkt in die ausgebeuteten Länder dieser Erde in einer widerlich missionarischen Art und Weise exportiert. Die Etablierung traditioneller Verschulungssysteme in anderen Gesellschaften dieser Welt bereitet den Weg in die imperialistische Zwangsbeglückung. Solidarität ist eine Floskel? In Bezug auf Schulzwang mag das durchaus zutreffen.

Die gesamte Struktur und Atmosphäre der Schule zeugt vom Misstrauen und den Kontrollverlustängsten der Gesellschaft gegen die Selbstorganisationsfähigkeit der Menschen. Das reicht von der zentralistischen gefängnisartigen Architektur, der Zensur der Schülizeitung, der Selektion und Leistungsdruck durch Bewertungszwang bis hin zur der Konditionierung der Bedürfnisse der Beiteiligten auf den 45-Minutentakt. In der Schule werden fast sämtliche Erziehungs- und Disziplinarmaßnahmen angewendet, die dem alten Spiel von Macht und Gehorsam zum Einsatz kommen. Lernen im humanistischen Sinne spielt dabei nur scheinbar Rolle. Die Motivation zu lernen wird nicht durch eine reale Herausforderung im Leben hervorgerufen, sondern durch eine sterile, leblose fast experimentelle Anordnung von oben künstlich erzeugt, die mit Hilfe von erzieherischen Gewalttaten durchgesetzt werden. Wenn es in der Schule um Lernen gehen würde statt um Willensbrechnung, hätte sich schon längst die Erkenntnis durchgesetzt, dass durch Zwang mit der Lernlust auch wirkliche Leistung und lustvolles kooperatives Engagement aus Eigenantrieb behindert wird.

Den Anspruch auf universelle Bildung kann und konnte Schulbildung nie erfüllen, da der tollste Lehrplan notwenigerweise willkürlich einen kleinen Ausschnitt des Wissens dieser Welt (und der regionalen “Kultur”) auswählt und damit einschränkt (auf Kritik an ExpertInnengläubigkeit sei hier am Rande verwiesen). Stillsschweigend wird vorausgesetzt, dass die Schulbildung ein “Allgemeinwissen” vermittle, das jede/r mensch irgenwie bräuchte. Das entbehrt jeder Logik, wenn mensch von einer vielseitigen Welt voller Wissen und Möglichkeiten zum Leben ausgeht. Von Mit- und Selbstbestimmung keine Spur. Alles, was sich mensch als kleines Zugeständnis auswählen darf, sind in den höheren Stufen bestenfalls ein paar WahlPFLICHTfächer. Derdie LehrerIn im Klassenzimmer ist die direkteste Kontrollinstanz für gesellschaftliche festgelegte Maßstäbe für Verhalten und Leistung. Die weiteren Ebenen der Machtausübung bilden Schulleitung und letztendlich die Schulbehörden. Einen nicht zu unterschätzenden Normierungsdruck üben auch die Mitverpflichteten (MitschülerInnen) aus. Schule soll gesellschaftliche Entwicklung regulieren. So wurde schon versucht, als gesellschaftlich relevant angesehende Themen auch in der Schule einzubringen: Umweltpädagogik, Frauengleichstellung, Integration Behinderter und von Nichtdoitschen wurde zumindest als Ziel in formuliert; was den Zwangscharakter der Schule weder mindert noch rechtfertigt. Damit ist die Schule so eine Art Wunschliste: Sobald dort alles wichtige drin sei, wäre die Zukunft gerettet und mensch müsse nun nix mehr im derzeitigen Leben ändern. Die Zwangversammlung in der Pflichtschule ermöglicht den willkürlichen Zugriff auf theoretisch alle - abhängigen - jungen Menschen; eine begehrte Zielgruppe für alle, die meinen, was Wichtiges zu verbreiten zu haben, von Nike-Werbefuzzi bis Öko-Aktivisti agieren sie als schamlose Nutznießer der Zwangsanwesenheit in der Schule. Außer der moralischen Keule kommen noch funktionale Einwände hinzu: Der krasse Widerspruch, der oft zwischen gesellschaftlicher Realität und abgeschotteter Schulwirklichkeit steht, wird übersehen. Was überall in der Gesellschaft Gewohnheit ist, werden ein paar Unterrichtseinheiten mit der fetzigsten Aufklärung kaum ändern. Zumal sich öfters der pädagogische “Gegenteil-Effekt”ergibt: Der zu-bildende Mensch tut das Gegenteil dessen, was ihm gepredigt wird; ein Akt der Selbstbehauptung. Deswegen lernen die Zwangsverpflichteten “nur zu ihrem Besten” vorallem eines: die Aufgaben maßstabsgerecht zu erfüllen, die ihnen vorsetzt werden, keinerlei Verfügung über die eigene Zeit zu haben und verinnerlichen das derartig, dass sie sich eine selbst bestimmte Zeiteinteilung kaum noch vorstellen können. Die Ketten geben Sicherheit und erscheinen bald als freiwillig gewählt. Konsumhaltung, Passivität und Duckmäusertum finden ihre pädagogische Verwirklichung im Schulalltag. Die “Erziehung zum mündigen Bürger” meint mit Ketten den Umgang mit der Freiheit beibringen zu können. “Mündig machen durch Entmündigung” ist ein Widerspruch, den das Schulsystem als Motiv hochhält. Sie nehmen in ihrem Kontrollwahn als Notwenigkeit hin, dass selbstständige Menschen durch Schule zu hilflosen “Schülern” gemacht, determiniert (= auf gesellschaftliche Rolle festgelegt) und herabgesetzt werden. Schule ist zudem in ihrem systematischen hierarchischen Aufbau vollkommen antibasisdemokratisch (falls mensch sich positiv auf Demokratie beziehen mag). Die SchülivertreterInnen haben in der paritätisch (zu gleichen Teilen) mit LehrInnen und Eltern besetzten Schulkonferenz (Gremium in jeder Schule) kaum Einfluss - obwohl es vorallem ihr Leben ist, in das eingegriffen wird. Sie haben vor allem eine Aufgabe: die SchülivertreterInnen halten die Illusion der demokratischen Verfasstheit der Schule aufrecht. Die höheren Ebenen der Schulvertretungen (Landes-, und Bundesebene) sind den meisten SchülerInnen vollkommen unbekannt, entbehren einer breiten Basis und erfüllen vorallem eine Alibifunktion. Was im Schulalltag als demokratisches Element daherkommt, ist zum Teil noch repressiver, weil es Fremdbestimmung als “von allen getragen” hinstellt. Wennn die Klasse beschließt (allein der Begriff zeugt von der hierarchischen Struktur der Schule - “höhere Klassen” etc. sind anerkannter als die “niedrigen Klassen”), dass dieses und jenes Buch gelesen und diskutiert wird, muss sich derdie Einzelne daran halten: Ansonsten gibts Sanktion. Und die trägt vor allem die Fratze des Psychoterrors (Mobbing): Da wird mensch als verrotteter Versager hingestellt, als Querulant ausgegrenzt, als Dummkopf diskriminiert, sozialrassistisch angegriffen, erpresst und obendrein wird von LehrerInnenseite noch die Eltern ins Spiel gebracht. Doch im Vergleich mit sonstigen staatlichen Repression sind die schulischen Maßnahmen bei Lichte betrachtet eher harmlos, das Schlimmste, das einem passieren kann, ist der Schulausschluss. Was daran eine Strafe sein soll, bleibt mir ein Rätsel. Von daher eignet sich die Schullaufbahn hervorragend für antirepressiven Klaumauk aller Art.

Text- und Linksammlungen: www.bildungskritik.de www.herrschaftsfrei-lernen.de.vu www.lernen-ohne-schule.de www.kraetzae.de

AktionsIdeenVorbereitungs-Wiki: www.lernkulturwandel.de.vu

Literaturtipps: Ivan Illich “Entschulung der Gesellschaft” Olivier Keller “Denn mein Leben ist Lernen. Wie Kinder aus eigenem Antrieb die Welt erforschen.”

Heftprojekt Bildungskritik: www.bildungskritik.de.vu

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