FragendVoran/Rezensionen
Aus Bildungswiki
von Jörg
Frech, Siegfried u.a. Methodentraining für den Politikunterricht (2004, Wochenschau in Schwalbach, 239 S., 29,80 Euro) Das im großen A4-Format erschienene Buch bietet neben der Darstellung von Methoden auch Arbeitsmaterial, z.B. Kopiervorlagen an. Es ist für den Unterricht gedacht und soll die Diskussions- und Recherchemethoden zeigen, die den Unterricht weg vom frontalen hin zum Gruppenprozess verändern können. Schwerpunkte sind der Umgang mit Texten und Karikaturen, die Nutzung des Internets, Diskussionsformen und umfangreichere Methoden wie Planspiele. Vieles davon kann auch, z.T. entsprechend angepasst, in der außerschulischen Bildung Verwendung finden.
Schneider, Gerd/Toyka-Seid, Christiane
Politik-Lexikon für Kinder
(2006, Campus in Frankfurt, 324 S., 19,90 Euro)
Wer sich mit Politik im allgemeinen oder Demokratie bzw. Parlamentarismus auseinandersetzt, muss dieses Buch eigentlich haben. Nicht weil es so brilliant ist, sondern so unverschämt. Wie ein großes Märchenbuch lügt es das Blaue vom Himmel herunter, wenn es Kindern – illustriert mit Bildern und Zeichnungen, die Welt erklärt. „Die Bürgerinnen und Bürger einer Stadt oder eines Landes können nicht alle gleichzeitig darüber entscheiden, welche Politik gemacht wird. Sie wählen daher Frauen oder Männer in freien und geheimen Wahlen für eine bestimmte Zeit als ihre Vertreter.“ So lauten die ersten zwei Sätze – die Zahl von Lügen und Manipulation ist zu diesem Zeitpunkt schon beträchtlich: „nicht alle gleichzeitig“ – warum nicht? Und warum müssen alle gleichzeitig entscheiden? Über was? „Sie wählen daher“ – wer wählt? Wahlberechtigt ist nur ein Teil und wählen tun noch viel weniger. Außerdem wählen sie nicht „daher“, sondern weil sonst gar nicht zu sagen haben (nicht weil es nicht geht, sondern weil sie es nicht dürfen) und weil es solche Bücher gibt. Dass die WählerInnen die Frauen und Männer im Parlament bestimmen, ist auch falsch (das tun die Parteien mit ihren Listen). Und als „Vertreter“ wählen sie die auch nicht. So geht es im Buch weiter. Offensichtlich in der Hoffnung auf naiven Kinderglauben wird hier Propaganda für das Herrschaftssystem „Demokratie“ betrieben. Wer das Geld sparen will, kann sich auch www.hanisauland.de angucken – die noch dickere Packung Gehirnwäsche.
Gloel, Rolf/Gützlaff, Kathrin
Gegen Rechts argumentieren lernen
(2005, VSA in Hamburg, 171 S., 12.80 Euro)
Die Stärke des Buches sind die vielen praktischen Hinweise auf pädagogische Felder, in denen die Auseinandersetzung mit rechtem Gedankengut erfolgen kann, welche Ideologien hinter solchen Gedanken stecken und wie sie widerlegt werden können. Angenehm ist, dass hier nicht Ausgrenzung, sondern Überzeugung das Ziel sind. Widersprüchlich wird das Buch aber bis hin zu blinden Flecken. Zwar wird ausdrücklich gegen Einteilungen in Gut und Böse argumentiert (S. 140). Aber schon acht Seiten weiter wird genau so vorgegangen – die „falschen Gedanken“ sollen aus den Köpfen. Zwar wird das pädagogisch hinterfragt, aber dennoch bleibt ein blinder Fleck: Rechte Gedanken entstehen auch (nicht nur!) aufgrund vorhandener Diskurse und autoritärer Aufladungen von Gesellschaft. Politische Bildung muss hier nicht nur die einzelnen Vorurteile, sondern auch die kollektiven Wirrungen und Normungen demaskieren.
Bärbel Rademacher
Seminare leiten – Fortbildungen gestalten
(2005, AOL-Verlag in Lichtenau, 80 S.)
Die Autorin fügt Methoden aneinander, die Moderation und Leitung von Seminaren und Gruppenprozessen verbessern können. Dabei bietet das Buch eine Mischung aus durchgehendem Text und einer Collage aus Methoden-Bausteinen, die manchmal etwas unübersichtlich wirkt. Die Trennung in erklärende Kapitel und Methodenblätter (z.B. auch zum besseren Herauskopieren) wäre besser gewesen. Für Personen, die auf Leitung von Seminaren stehen, bietet das A4-Werk aber viele Hilfen. Dass Methoden, die Hierarchien abbauen statt Führungshandeln effizienter machen, zwar erwähnt, aber dann (ohne weitere Begründung) nicht mehr als Methoden vorgestellt werden, belegt am deutlichsten diesen Schwerpunkt, Leitung zu verbessern, aber nicht zu überwinden.
Weiner, Christine/Kupfer, Carola
Das Pippilotta-Prinzip
(2006, Campus in Frankfurt, 208 S., 16,90 Euro)
Ein vielfältiges Buch, anregend geschrieben in vielen kleinen Kapiteln mit Schwerpunkt auf die Geschehnisse des Alltags. Die Autorinnen plädieren für ein Rund-um-Entrümpeln des verstaubten Lebensalltags: Mehr Genuss, weniger steife Ordnung, mehr Spontanität, weniger Krampf. Was als Wermutstropfen in das Glas voller Lebensfreude tropft, ist einerseits das Festhalten an den Rollenklischees zwischen den Geschlechtern (das Buch ist für Frauen geschrieben und immer wieder geht es auch um die Beziehung zu eigenen Mann – wär da nicht auch was zu entstauben?) sowie andererseits das komplette Ausblenden gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. So klingt es manchmal danach, als wären die Individuen immer nur selbst Schuld an ihrem Elend langweiliger Lebensgestaltung.
Kasper, Horst
Kreative Lernpraxis
Band Methodentraining (2006, AOL-Verlag in Lichtenau, A4-Format, 99 S.)
Band Handbuch (2006, AOL-Verlag in Lichtenau, A5-Format, 159 S.)
Zwei Bücher eines insgesamt noch umfangreicheren Paketes für einen aufgelockerten Unterricht. Das Methodentraining vermittelt viele kleine Tipps von Merkhilfen über Entspannungsübungen, das Handbuch gibt die didaktischen Hintergründe. Der Autor beschränkt sich dabei wesentlich auf kleine Hinweise, während umfassender Lernkonzepte und Methoden hier nicht zu finden sind. Daher sind die Bücher auch eher als Zusatz geeignet und kaum als Grundlage für einen Weg zu selbstbestimmten Lernformen, Projektunterricht oder andere Nicht-Frontal-Lernmethoden geeignet.
Horst Siebert
Die Wirklichkeit als Konstruktion
(2005, VAS-Verlag in Frankfurt, 95 S., 9 Euro)
Die „Einführung in konstruktivistisches Denken“ gibt einen Überblick der philosophischen und psychologischen Grundlagen subjektiver Wahrnehmung. Sie ist gut geeignet, dem Glauben an Wahrheit und einheitliche Erkenntnisse auch wissenschaftlich den Boden zu entziehen. Etliche Zitate von VordenkerInnen des Konstruktivismus machen das Buch zu einer Fundgrube. Eine Politisierung unterbleibt, d.h. der Bogen zur Analyse diskursiver Macht, wie ihn z.B. Foucault gespannt hat, wird nicht gespannt. Es ist eher ein kleines Büchlein für Psychologie und die biologischen Grundlagen menschlichen Erkennens.
Reiner Keller u.a. (Hg.)
Die diskursive Konstruktion der Wirklichkeit
(2005, 350 Seiten, UVK)
Verschiedene Aufsätze beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Wissenssoziologie, konstruktivistischen Ansätzen und Diskurs-Analysen. Leider ist das Wer – schon sprachlich – eng auf den akademischen Bereich beschränkt und trotz teilweise interessanter Beispiele daher nicht geeignet, um z.B. die Logiken von Diskursen einem größeren Publikum nahe zu bringen.
Gebauer, Karl
Anders lernen
(2005, Patmos Verlag in Düsseldorf, 248 S.)
Ein kommunikatives Buch – geschrieben wie ein Gespräch über Alternativen und Versuche mit Methoden für einen kreativeren Schulalltag. Texte sind z.T. im Ich-Stil geschrieben und zeigen Beispiele, die praktisch erprobt sind. Der Blick bleibt dabei innerhalb des formalen Rahmens üblicher Schulformen. Innerhalb dieser werden aber Ansätze für Verbesserungen vorgestellt – von Experimenten in Deutschland bis zu den seit PISA-Zeiten berühmt gewordenen skandinavischen Schulformen. Ein Kapitel behandelt Möglichkeiten für Kindergärten, einige konkrete Methoden wie ein Improvisationsspiel im Unterricht werden vorgestellt.
Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung
Selbständig lernen
(2004, Beltz-Verlag in Weinheim, 239 S.)
Das Buch beinhaltet sechs Empfehlungen aus der Denkfabrik der grünen Partei, mit denen neue Reformen an deutschen Schulen vorangetrieben werden sollen. Es geht um die Fragen von Finanzierung (erste Empfehlung) und Chancengleichheit (2. Text), um Autonomie und um das Spannungsfeld zwischen Professionalität und Ethos, ebenso um die vermittelten Wissensinhalte zwischen Pflichtprogramm und Interessensausbildung sowie schließlich in der sechsten Empfehlung um Bildung und Migration. Die konkreten Vorschläge sind typischer Reformismus: Ein bisschen Demokratisierung der Schule hier, Modernisierung der Lernmethoden dort. Würden die Vorschläge verwirklicht, wäre eine bessere Schule das Ergebnis. Aber es bliebe eine Schule mit allen ihren Zwangsmomenten des Lernens und der Ausrichtung auf eine spätere Verwertung des erworbenen Wissens in vorgezeichneten Lebenswegen.
von Simone
Geschlecht & Liebe
Mehr als eine Liebe. Polyamouröse Beziehungen. Laura Méritt, Traude Bührmann & Nadja Boris Schefzig (Hg.). Berlin: Orlanda Frauenverlag, 2005, 231 S., 17,50 €. Eine Sammlung ganz unterschiedlicher Textsorten rund um das Thema nicht-monogamer Beziehungen, so lässt sich dieser Band wohl am allgemeinsten beschreiben, denn was genau „polyamourös“ eigentlich ist, darüber sind sich auch die verschiedenen AutorInnen nicht einig. Gemeinsam ist allen, dass sie sich bewusst für mehrere Beziehungen gleichzeitig entschieden haben, und diese Lebensweise gegen das bürgerliche Ideal der Kleinfamilie und RZB (Romantischen Zweierbeziehung) verteidigen wollen. Das reicht vom „ethischen Schlampentum“ der amerikanischen Vorreiterin Dossie Easton über rein lesbische Mehrfachlieben bis hin zu recht bürgerlichen Konstellationen, die die Betonung auf „familiäre“ Strukturen legen und der Sexualität etwas naserümpfend gegenüberstehen. Ähnlich dem „queer“-Begriff im Geschlechter-Diskurs, versucht „Polyamory“ eine Kategorie gegen die vorherrschenden Beziehungs-Kategorien zu schaffen, und bringt damit einerseits einen neuen Diskursaspekt in die Öffentlichkeit, verursacht dadurch andererseits jedoch neue Schubladen und Ausgrenzungen. Das Buch ist auf jeden Fall für EinsteigerInnen in das Thema geeignet, weil es unter anderem auch etwas die Entwicklung der „Bewegung“ und Begrifflichkeiten vermittelt, und außerdem sehr leicht zu lesende und ermutigende Erfahrungsberichte enthält. Da es im Frauenverlag Orlanda erscheint, kommen nur wenig „männliche“ Erlebnisse zu Wort, was sicher auch damit zusammenhängt, dass Nicht-Monogamie in der „traditionellen“ Schwulenbewegung schon lange diskursiert. Allerdings beschränkt sich der Widerstand gegen bürgerliche Normen auf die Beziehungsebene. Die meisten der vorgestellten Beispiele bewegen sich ansonsten in durchschnittlichen (bzw. meist akademischen) Erwerbs-, Wohn-, Mobilitäts- und ähnlichen Verhältnissen. Ob mensch sich nun als polyamourös, polygam, einfach nur verliebt oder glücklich bezeichnet, bleibt ja jedeR selbst überlassen.
Gender Game. Körper-Medien-Blicke-Männlichkeiten. go drag! herausgegeben von Marion Strunk.Tübingen: Konkursbuch, 2002, 256 S. 15,50 €
Dieses bunte, kunstvolle Sammelsurium von Texten, Fotos, Gemälden, Filmausschnitten, Werbeeinblendungen etc. ist etwas für diejenigen, die sich schon mit Geschlechterdekonstruktion beschäftigt haben, und vor allem die performative Seite lieben. Biologisch weibliche Menschen, aus verschiedenen kulturellen Kontexten, die „ihre Männlichkeit“ in allen möglichen Posen und Medien in Szene setzen, und damit die Geschlechterkonstruktionen in Frage stellen. Dazu theoretisch anspruchsvolle Texte, und immer wieder überraschende Angriffe auf die Geschlechterdenke im eigenen Kopf. Dabei mit soviel Spaß und Farbenfreude präsentiert, dass es eine Lust ist!
Anti-Psychatrie
Zum 10-jährigen Jubiläum des Berliner Weglaufhauses: www.weglaufhaus.de/
Flucht in die Wirklichkeit. Das Berliner Weglaufhaus. Kerstin Kempker (Hg.) Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag, 1998, 341 S. 15,90 €, direkt beim Verlag bestellen
Das Berliner Weglaufhaus bietet jeweils bis zu 13 Menschen, die aus der Psychiatrie abgehauen sind bzw. dort nicht hinwollen, aber eine Art Betreuung suchen, eine Zuflucht. Mit staatlichen Geldern kümmern sich hier professionelle und LaienbetreuerInnen (u.a. mit eigener Psychiatrieerfahrung) um Menschen, die den Knast Psychiatrie mit seinen Zwängen und Medikamenten nicht mehr ertragen (wollen). Hier werden sie und ihre Geschichte ernst genommen und vor psychiatrischem Zwang geschützt.
Eine Zusammenstellung recht sachlicher Texte beschreibt die Entstehung und Etablierung des Weglaufhauses, und die ständigen Kämpfe um dessen Anerkennung und Finanzierung. Außerdem werden aus der Sicht der MitarbeiterInnen und BewohnerInnen die alltägliche Praxis und die Abläufe im Weglaufhaus geschildert. Sie berichten von ihren Erfahrungen mit Psychiatrie und dem Weglaufhaus. Wer aktuelles zum Weglaufhaus lesen möchte, sei auf www.weglaufhaus.de/ verwiesen.
Wohin mit dem Wahnsinn? Ausgewählte Aspekte der Kontroverse um Anstaltspsychiatrie und mögliche Alternativen. Claudia Brügge. Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag, 2004, zweite, korrigierte Auflage, 275 S. 29,90 €
Dieses Buch basiert auf einer 1994 an der Uni Bielefeld eingereichten Diplomarbeit und gibt einen „kritischen Überblick über psychiatrische, antipsychiatrische und feministische Positionen – am Beispiel der Konzeptionen von Soteria (Bern), vom Weglaufhausprojekt Berlin [damals noch im Werden] und vom Therapieansatz Polina Hilsenbecks (München)“. Entsprechend wissenschaftlich ist der Ansatz: Nach allgemeiner Kritik am patriarchalen und gewaltförmigen System Psychiatrie, vor allem aus feministischer Sicht, behandelt die Autorin drei praktische Alternativansätze aus der Anti-Psychiatriebewegung.
Soteria basiert auf einem Forschungsprojekt in diesem Feld, entsprechend widersprüchlich ist der Umgang der hauptamtlichen MitarbeiterInnen mit der nicht-selbstbestimmten und oft von wissenschaftlicher Orientierung beeinflussten Arbeit. Polina Hilsenbecks Frauentherapiezentrum ist ein sehr individueller und spiritueller Ansatz, die „Grenzgängerinnen“ in ihrem Denken und Handeln ernst zu nehmen. Und das Berliner Weglaufhaus war zwar 1994 noch nicht eröffnet (s. dazu vorigen Titel), doch waren die Planungen und Vorhaben schon sehr konkret, so dass Claudia Brügge anhand von Gesprächen mit Mitgliedern des Vereins zum Schutz vor psychiatrischer Gewalt ihren Fragenkatalog bearbeitete. Alle Projekte werden ebenfalls unter frauenspezifischen Aspekten untersucht.
Kommunalpolitik
Ende der kommunalen Selbstverwaltung. Zur politischen Steuerung im „Konzern Stadt“. Norbert Wohlfahrt, Werner Zühlke. Hamburg: VSA-Verlag, 2005, 145 S. 12,80 €
Das im attac-Hausverlag erschienene Buch stellt die Entwicklung von der Kommunalverwaltung zum New Public Management kritisch dar. Die Autoren beklagen wie auch auf höherer Regierungsebene „Deregulierung, Privatisierung, Auslagerung ... von Verwaltungsaufgaben und Einführung von Markt- und Wettbewerbselementen sowie die Einführung privatwirtschaftlicher Managementmethoden und betriebswirtschaftlicher Steuerungsinstrumente in die Öffentliche Verwaltung“. Dabei wird leider die „gute“ Kommunalverwaltung alten Schlags als „der Inbegriff volksnaher Demokratie, in der sich der Gestaltungswille der Bürger unmittelbar äußert“ dargestellt.
Neben berechtigter Kritik an der „Globalisierung“ der Kommunen in Verbindung mit Entdemokratisierung, dem Abbau öffentlicher Leistungen und dem Konzept von Sicherheit und Ordnung, fehlt hier eine emanzipatorische, tatsächlich selbstbestimmte Vision für interessierte und engagierte „BürgerInnen“.
