Ein auszug aus dem protesthandbuch
Aus Bildungswiki
Proben für den großen Krach
Handbuch zur studentischen Protestorganisation
Impressum
Redaktion: Antonio Landsberger, Universität Stuttgart Andreas Bühler, Musikhochschule Stuttgart Tobias Schmidt, Universität Münster Andreas Fest, Universität Leipzig Henning Schulze, Universität Leipzig Simone Ott, Universität Gießen Marcel Winter, Universität Duisburg-Essen Jens Wernicke, Bauhaus-Universität Weimar
Kontakt: redaktion@lass-es-geschehen.de www.protesthandbuch.de.vu
V.i.S.d.P.: Antonio Landsberger Landhausstraße 109 70190 Stuttgart
Finanzierung: Referat für Hochschulpolitik des Studierendenkonvents der Bauhaus-Universität Weimar Landesausschuss der Studentinnen und Studenten (LASS) in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Thüringen
Druck: Druckerei des AStA der Universität Münster
1. Auflage: 300 Stück, Januar 2005
Redaktionsschluss: 25. Januar 2005
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Dieses „Handbuch zur studentischen Protestorganisation“ entsteht Anfang Januar 2005 unter dem Eindruck sich immer weiter verschärfender sozialer und gesellschaftlicher Konflikte, auf die bis dato keine adäquate Antwort in Form von Protesten und Einflussstrategien gefunden zu sein scheint. Unlängst werden die Rechte der ArbeitnehmerInnen immer vehementer angegriffen, Arbeitslose mittels der Hartz-Gesetzgebung in entrechtete Zwangsarbeitgelegenheiten gezwungen, attestiert die PISA-Studie Deutschland eins der sozial selektivsten Bildungssystem der Welt, leben eine Million Kinder von Sozialhilfe, erstarkt die parlamentarische wie außerparlamentarische Rechte, vermögen gut 4 Millionen Deutsche nicht mehr zu lesen oder schreiben, soll in der EU-Verfassung das Recht, Angriffskriege zu führen, festgeschrieben werden, wird der Sozialstaat mit zunehmender Geschwindigkeit zerschlagen, sollen Studiengebühren eingeführt und die Mitbestimmungsrechte der Studierenden an den Hochschulen weiter abgebaut bzw. ihrer Wirkungsgewalt beraubt werden. All dies geschieht, weil man uns glauben macht, es 'müsse' so geschehen - und gäbe keine Alternative hierzu. Und zwar ohne nennenswerte Gegenwehr seitens der deutschen Intelligenzija. So setzen sich Mythen und Legenden bis in die deutschen Hochschulen fort und werden in den Köpfen der jungen Generation reproduziert: Die Lohnnebenkosten seinen zu hoch, soviel Sozialstaat sei unsozial, der Generationenvertrag trage nicht mehr, Arbeitslose seien faul, andere Kulturen und Religionen bedrohten uns, die Gewerkschaften seien die ewig gestrigen 'Reformblockierer' und eigentlich ohnehin an allem Schuld, Bildung sei eine Investition in das eigene Humankapital usw. usf. Gegen einzelne oder mehrere dieser Missstände und ideologischen Konstruktionen wurde von Studierenden und Studierendenvertretungen in den letzten Jahren immer wieder protestiert und gestreikt. Nur selten jedoch haben diese Proteste es vermocht, handfeste Veränderungen herbeizuführen. Dies ist unserer Meinung nach unter anderem darauf zurückzuführen, dass ...
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die Beziehung der Proteste zu den Medien nicht analytisch begleitet, aufgearbeitet und vorbereitet worden ist. Die Proteste wurden großteils als Happenings in Richtung der Medien inszeniert, viele Protestierende dachten und denken nach wie vor, Gesellschaft ließe sich über die eigene Präsenz in den Medien verändern. Die mediale Rezeption des Geschehens wiederum beeinflusste nachhaltig das Selbstverständnis der Protestierenden.
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die Proteste unzureichend miteinander vernetzt waren. Wir hatten eine bundesweite Studierendenbewegung, die wenig koordiniert und daher asynchron war. Viele Hochschulen traten erst in den Streik als andere schon wieder aufgehört hatten.
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die Studierenden zunehmend unpolitisch bzw. hoffnungslos in Bezug auf politische Veränderungen sind. Großteils hat sich das ideologische Konstrukt TINA ('there is no alternative') verbunden mit gesellschaftlicher Entsolidarisierung und medial propagiertem Egoismus bereits in den Köpfen der 'Jungen' manifestiert. Hier fehlt es unter anderem an Strategien, wie zukünftig und auch außerhalb von Streiks und Protesten nachhaltig an einer Bewusstseinsbildung und Politisierung gearbeitet werden kann.
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wir als Studierende bisher kaum den notwendigen (vor allem ökonomischen) Druck ausgeübt haben, um real-politischen Einfluss zu erringen.
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es uns nicht hinreichend gelungen ist, Bündnisarbeit zu organisieren. ProfessorInnen, MitarbeiterInnen und Angestellte wurden zu wenig - und trotz großteils starker eigener Betroffenheit - in die Proteste integriert. Mit Gewerkschaften, Elternverbänden, SchülerInnen etc. gab es oft nur punktuelle Zusammenarbeit. Die MitarbeiterInnen und Angestellten der Hochschulen haben nicht synchron zu studentischen Protesten gestreikt.
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den Protesten oftmals Perspektive gefehlt hat. Selten wurde thematisiert, wie es nach Streiks etc. in Bezug auf Vernetzung, Bündnisarbeit und Aufbau von Druck weitergehen kann und soll. Selten sind die eigenen Proteste im Nachgang wissenschaftlich aufgearbeitet und analysiert worden, so dass zu wenig herausgearbeitet wurde, welche Strategien sich bewährt haben und welche nicht.
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der oftmals schnell erreichte Grundkonsens der Protestierenden der komplexen gesellschaftlichen Problemlage nicht gerecht geworden ist. So protestierten bspw. unter der gemeinsamen Fahne „Gegen Studiengebühren“ oftmals Studierende miteinander, von denen die einen für eine Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten, die anderen jedoch für eine Stärkung des „Standortes Deutschland“ im internationalen und unsolidarischen Wettbewerb gewesen sind.
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es während Streiks und Protesten oftmals an 'Erfolgserlebnissen' gefehlt hat, so dass die Motivation der Beteiligten immer rasch schwand.
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Hochschulstreiks oftmals hierarchische Protest-Strukturen etablieren. In der Binnenwirkung wirkten Streikkollektive somit oftmals als „geschlossene Gesellschaften“, die wenig Raum für Neue und Neues ließen. Partizipationshürden wurden auf- und ausgebaut.
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eine Protestbewegung dazu neigt, Andersdenkende, KritikerInnen und SkeptikerInnen zu marginalisieren; oft fehlte es an Raum und Zeit, sich inhaltlich lange und intensiv mit den vermeintlichen GegnerInnen in den eigenen Reihen auseinanderzusetzen, so dass eine grundlegende Spaltung der Bewegung bereits vorprogrammiert ist.
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während studentischer Streiks das Verhältnis von gewählten Studierendenvertretern zu Streik-Aktiven oftmals ungeklärt bleibt. Nicht selten geriet so der Enthusiasmus und Aktivismus „Neuer“ mit den gewohnten Verhaltensweisen und Strukturen der „alten Hasen“ in Konflikt und musste mensch hören: Nein, so etwas dürfen wir nicht.
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die Medien sich bereits in den achtziger Jahren von den Hochschulen abgewandt haben und niemals in der Geschichte das Wissen, was Hochschulen eigentlich sind, so marginal wie in der heutigen Zeit war. Ab 1990 begannen erste mediale Propagandafeldzüge zur Diffamierung der Hochschulen. Zuerst wurde vier Jahre gegen die „faulen Studierenden“ gehetzt, um sich anschließend vier Jahre auf die „faulen ProfessorInnen“ einzuschießen.
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die heutigen Studierenden nicht einfach protestmüde EgoistInnen sind, sondern allen Grund dazu haben, Repressionen zu fürchten. Konnte man den alles organisierenden Staat der 60er und 70er Jahre bspw. noch durch die Androhung des „Ausstieges“ aus der Konsensgesellschaft schocken, kann unser heutiger Staat etwaige AussteigerInnen getrost ziehen lassen, fallen sie doch als AlimentenempfängerInnen forthin aus. Waren die „68er“ also materiell abgesichert und streikten mit revolutionären Motiven, fürchten die heutigen Studierenden um ihre materielle Existenz - und schieben Frust und Revolutionspläne vor sich her.
Diese, von uns wahrgenommenen, Probleme können und wollen wir mit dem vorliegenden Handbuch nicht lösen. Was wir jedoch möchten, ist, diese sowie fünf aus ihnen abgeleitete Thesen zur Diskussion stellen - um anschließend in den nachfolgenden Kapiteln Handreichungen für aus unserer Sicht notwendige Veränderungen der Organisation und Realisierung studentischer Politik und Proteste zu bieten.
Im 1. Kapitel („Studentische Streiks“) gehen wir dabei kurz auf den Hochschulstreik als spezifische Form studentischer Proteste ein, geben Literaturhinweise und legen einige Ideen und Erfahrungen dar.
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Auf der Ebene praktischer Realisierung sind wir der Meinung, dass studentische Politik, studentische Aktionen und studentische Proteste zukünftig vor allem folgende Ansprüche an sich selbst formulieren und umsetzen sollten:
Sie müssen erstens provokativer und vor allem streitbarer und subversiver werden.
Sie müssen zweitens ihre sehr verschiedenen Aktionsformen gezielter und geschickter kombinieren und vernetzen.
Sie müssen drittens davon Abstand nehmen, ihre Ziele nur kurzatmig zu verfolgen. Stattdessen bedarf es langfristiger und kampagnen-förmig angelegter Praxis- und Konzeptpakete, mittels derer eigene Problemfelder systematisch bearbeitet werden können.
Sie müssen viertens von der Überzeugung abrücken, nur die ‚große Politik’ oder ‚die da oben’ zu bekämpfen. Vielmehr muss die gesamte Bevölkerung in konfrontative Auseinandersetzungen hereingezogen werden. Ihr Augenmerk sollte auf dem alltäglichen Wahnsinn liegen, der Tatsache also, dass Kapitalismus, patriarchale Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexismus, Rassismus etc. keine von oben aufgepfropften Gewaltverhältnisse sind, sondern vielmehr solche, die sich erst durch die ganz normalen Alltagshandlungen vieler Millionen Menschen aufbauen bzw. verwirklichen können.
Sie müssen fünftens die Gewinnung und Politisierung neuer MitstreiterInnen sehr viel ausdrücklicher als eine zentral zu verfolgende Zielsetzung ihrer politischen Handlungsstrategien betrachten. Hierzu müssen sie sich selbst einer permanenten Reflexion und Kritik unterziehen, um auch und womöglich zuerst an sich zu ändern, was sie an ‚der Gesellschaft’ kritisieren.
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In der Hoffnung, das Euch die vorliegenden Seiten die eine oder andere Idee und/oder Inspiration liefern, der SPIEGEL mit seinem Artikel „Proben für den GROßEN KRACH“ vom Dezember 2003 Recht behält und der Widerstand in 2005 handfester, mannigfaltiger und vor allem von noch mehr Menschen als bisher getragen werden wird, verbleiben wir…
Eure Redaktion
Referenzliteratur zu diesem Kapitel
Stephan Leibfried (Hrsg.): Wider die Untertanenfabrik. Handbuch zur Demokratisierung der Hochschule, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1967.
Albrecht Müller: Die Reformlüge. 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren, Droemer Verlag, München 2004.
Alex Demirovic: Die politische Metapher links und die politischen Orientierungen von Studierenden; im Internet unter: http://staff-www.uni-marburg.de/~rillingr/wpl/texte/3Demirovic.htm.
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1. „Studentische Streiks“
In diesem Kapitel wollen wir Euch eine kurze Einführung in die spezifische Problematik studentischer ‚Streiks’ geben. In einem ersten Teil legt Olaf Bartz in seinem „Werkzeugkasten für studentische Proteste“ einige Überlegungen zum Thema dar. Im Nachgang finden sich einige Erlebnisberichte der studentischen Streiks des Wintersemesters 2003/2004, denen einige strategische Reflexionen zu entnehmen sind.
1.1 Werkzeugkasten für studentische Proteste
von Olaf Bartz, ehem. Geschäftsführer des ABS, Doktorand an der Uni Köln
Rückblick auf 1993 und 1997
Gerade der Streik im Wintersemester 1997/98 war ein Musterbeispiel für eine spontane Eruption des Unmuts. Es gab keinen direkten Anlass – zwar hatten sich die damals im Bund regierende CDU/FDP-Koalition unter Kanzler Kohl mit der oppositionellen SPD schon im Sommer 1997 auf ein neues Hochschulrahmengesetz verständigt, das aber zum Streikausbruch kaum eine Rolle spielte.
Die Initialzündung für den Streik lieferte eine spontane Protestaktion an der Uni Gießen, wo aus einem EinsteigerInnenseminar in Pädagogik aufgrund der Überfüllung die Hälfte der TeilnehmerInnen zum Verlassen des Saales aufgefordert wurde. Die StudentInnen weigerten sich jedoch und traten in den Ausstand. Ohne dass dies irgendjemand hätte vorhersehen können, begann plötzlich ein Schneeballeffekt, und binnen weniger Wochen hatten fast alle Hochschulen sich dem Streik angeschlossen. Es kam zu zahlreichen Großdemonstrationen mit mehreren zehntausend TeilnehmerInnen, v. a. in Bonn und in einigen Landeshauptstädten, und zu einer gewaltigen Medienpräsenz. Nach einigen Wochen, befördert durch die Weihnachtsferien, ebbte die Protestwelle allerdings wieder ab.
Dieser spontane, ungeregelte Charakter zeigte sich auf allen Ebenen, sowohl in der Binnenwahrnehmung als auch in der Außendarstellung:
an vielen (nicht allen!) Orten wurden die etablierten studentischen Organe schlichtweg überrannt; es gab keine bundeseinheitlichen Forderungen – alle Hochschulen/Fachbereiche verabschiedeten individuelle Forderungskataloge (das noch am ehesten durchgängig vertretene Thema war die Forderung nach einer Festschreibung genereller Studiengebührenfreiheit im Hochschulrahmengesetz);
alle Versuche, durch Treffen o. ä. eine Bundeseinheitlichkeit herzustellen, endeten im Fiasko;
es gab keine Instanz, die für „die StudentInnen“ hätte sprechen können – die Medien fragten einfach irgendwelche gerade vorbeikommenden StudentInnen, und so sah die Berichterstattung dann auch aus. In den Medien kam letztlich nur die allgemeine Formulierung nach „unhaltbaren Zuständen“ an den Hochschulen vor, verbunden mit der Aussage „Mehr Geld!“. Alles andere fiel hinten über.
folglich konnte auch kein geregelter Abschluss hergestellt werden – die Proteste liefen sich mit der Zeit, von Ort zu Ort unterschiedlich, tot.
Streik 93/94: anderer Beginn, ähnlicher Verlauf
Der nun schon fast ein Jahrzehnt zurückliegende Streik des Wintersemesters 1993/94 begann durchaus anders, verlief dann aber ähnlich. Im Frühjahr/Sommer 1993 hatten Bund und Länder einen groß angelegten „Bildungsgipfel“ geplant, der allerdings schon im Vorfeld geplatzt war, da sich die Beteiligten über Finanzierungsfragen zerstritten hatten. Was es allerdings gab, war ein so genanntes „Eckwertepapier“ einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe, in dem u. a. Studiengebühren und Zwangsexmatrikulationen vorgeschlagen wurden.
(Anmerkung am Rande: Bereits damals konnte man als studentischer Vertreter von allen Seiten zu hören bekommen, man solle doch Proteste gegen Studiengebühren lieber gleich sein lassen – allgemeine Gebühren kämen in kürzester Zeit „sowieso“. Aber Protest lohnt sich eben doch...) Um sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen, bildete sich ein studentischer „Arbeitskreis Bildungsgipfel“ (AK BiGi), der im Sommer 1993 einen „Gegen-Bildungsgipfel“ organisierte und für den Dezember 1993 zu einer bundesweiten Protestwoche aufrief. Der AK BiGi wurde vor allem von einer Vielzahl an ASten und StuRä getragen (hier waren die klassischen studentischen Organe also an der Initiative). Aus ihm heraus bildete sich übrigens auch der fzs – in den Jahren zuvor hatte ein komplettes Dachverbandsvakuum geherrscht. Die besagte Protestwoche eskalierte 1993 schnell zum Streik – und von diesem Zeitpunkt an verlief vieles ähnlich wie 1997. Nicht ganz so ungeregelt, nicht ganz so umfassend, aber die Grundtendenz war identisch.
Jeder Streik ist anders. Dennoch: Einige generalisierende Thesen
Will man aus vergangenen Streiks und Protestwellen Lehren ziehen, ergibt sich ein großes Problem: Jeder Streik ist anders. Vorsicht ist also geboten, wenn es ans Generalisieren geht – nichtsdestoweniger lassen sich zumindest einige Thesen aufstellen.
Streiks überlasten die studentischen Organe (ASten, StuRä, Fachschaften,...) prinzipiell. Streiksituationen sind meistens, gerade an größeren Hochschulen/Fachbereichen, von so viel Aktion und Initiative geprägt, dass die im Normalzustand kleine Schar der kontinuierlich Engagierten schon rein personell überhaupt nicht in der Lage sein kann, die Ereignisse zu steuern. (Ob dies überhaupt wünschenswert ist, ist eine andere Diskussion.)
Diese kleine Schar der „Kader“ ist in Streiksituationen zentral befasst (und überlastet) mit der Organisation im Hintergrund: Kauf von Materialien, Bereitstellen von Geld, Aufrechterhaltung der Infrastruktur und weitere Dinge, die eben ein hinreichendes Kontingent an Kadern bedürfen – und dazu führen, dass diese für andere Aufgaben ausfallen.
Streiks bedeuten immer: Viele Menschen engagieren sich neu, oft auch zum ersten Mal in ihrem Leben. Auch dies verhindert jede durchgängige Kontrolle von vorn herein. Des Weiteren ist zu berücksichtigen, dass die neu Engagierten nicht nur wenig Hintergrundwissen haben können, sondern auch mit vielen Diskussionen, die unter den Kadern selbstverständlich sind, nicht vertraut sind. Beim 1997er Streik fiel dies vielerorts gerade dann auf, als in Forderungskatalogen auch feministische und antisexistische Positionen auftauchten – die in entsprechenden Vollversammlungen oft auf großes Unverständnis stießen, da vielen diese Thematiken fern lagen.
Das Bild von Streiks nach außen ist schwer steuerbar, insbesondere dann, wenn es sich um Manifestationen allgemeinen Unmuts wie 1993 und 1997 handelt (etwas anders verhält sich die Situation wie jüngst in Nordrhein-Westfalen, wo die Forderung „Keine Studiengebühren!“ vergleichsweise eindeutig war). Dies liegt nicht zuletzt in einem grundlegenden Strukturproblem der studentischen Politik begründet, nämlich dem, dass es keine allgemein akzeptierte Institution gibt, die die Frage „Was wollen die Studenten?“ glaubwürdig beantworten könnte. Der fzs hat diesen Status auch nach neun Jahren Existenz noch nicht erreicht, und auf Länderebene ist die Lage fast überall noch weitaus miserabler.
Elemente eines politischen Werkzeugkastens für eventuelle Streiksituationen
Vorab eine Bemerkung zum Begriff „Streik“: Studentische Streiks sind in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil von gewerkschaftlichen Lohnerhöhungs-Streiks in der BRD. Letztere folgen einem starren Regelwerk, unterliegen einer detailgenauen Organisation und laufen in eingeschliffenen Ritualen ab. Es wäre nicht angemessen, die Forderung aufzustellen, studentische Streiks mögen zukünftig nach gleichem Muster ablaufen – dies verbietet sich allein schon deshalb, da gewerkschaftliche Streiks stets direkt die Kapitalverwertung stören, indem sie die Mehrwertproduktion temporär beeinträchtigen, wohingegen dieser Effekt an den Hochschulen fehlt.
(Letztgenanntes führt bekanntermaßen häufig zum Spruch „Ihr schadet Euch nur selbst!“, was in dieser Form natürlich nicht stimmt, da Streiks an Hochschulen erfahrungsgemäß die in der Praxis beste Möglichkeit sind, um Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit herzustellen etc.) Nichtsdestoweniger lohnt es sich m. E., sich Handlungsweisen bei gewerkschaftlichen Streiks genau anzusehen und im Einzelfall zu prüfen, welche Maßnahmen übertragbar sind.
Im Folgenden ein paar Anregungen in Sachen „politisches Handwerkszeug“:
Ziele definieren. Warum wird gestreikt, was will man erreichen? Ein Ziel kann alles sein: öffentliche Aufmerksamkeit, Rücknahme von politischen Entscheidungen wie z. B. der Einführung von Studiengebühren, Rücktritte von verantwortlichen MinisterInnen etc.
Bei Streikbeginn schon an das Ende denken. Praktisch alle bisherigen Streiks sind irgendwann einfach abgebröckelt und haben sich totgelaufen. Nun ist nichts schwieriger, als einen studentischen Streik geregelt zu beenden, zumal es in der Regel keine funktionierende überlokale Koordination gibt (von der Eigendynamik, die Streiks sowohl beim Entstehen als auch beim Abflauen innewohnt, ganz zu schweigen). Trotzdem besteht hier mit der größte Handlungsbedarf. Soweit überhaupt planbar, gilt es zu betrachten, welche Ziele bisher erreicht, welche Forderungen erfüllt wurden. Damit zusammenhängend:
Was ist der Charakter des Streiks? In erster Annäherung lassen sich zwei Typen unterscheiden: einerseits der zielorientierte Streik wie die jüngsten Ausstände in Nordrhein-Westfalen, die sich das klar definierte Ziel des Stopps von Studiengebühren gesetzt hatten; andererseits der „propagandistische Streik“ in der Art von 1993 und 1997 ohne konkreten Anlass. Aus diesen Unterscheidungen ergeben sich einige Anhaltspunkte. Insbesondere wäre ein propagandistischer Streik grundsätzlich eher befristet, ein zielorientierter Streik hingegen unbefristet „bis zur Erfüllung der Forderungen“ (oder jedenfalls einiger). Dies führt zur Frage:
Was ist eine Forderung? Gerade 1997 war es der große Trend, allüberall Forderungskataloge zu verabschieden. In der Rückschau ist man erstaunt über das Sammelsurium, das sich unter einem Forderungskatalog so alles finden kann. Daher eine Definition: Eine Forderung ist etwas, das sich an einen konkreten Adressaten richtet und von diesem erfüllt werden kann. Bei Forderungskatalogen geht es also darum, den Adressaten (Bundesregierung? Landesregierung? Medien? Die Sendung mit der Maus?) klar festzulegen. „Verbot aller Studiengebühren im Landeshochschulgesetz“, „Rücknahme der aktuellen Gebührenpläne durch die Landesregierung“ wären in diesem Sinn zwei Forderungen (nicht etwa nur eine, denn es handelt sich um unterschiedliche Dinge mit unterschiedlichen Adressaten: a) Parlament, b) Regierung). „Weltrevolution sofort“ o. ä. ist hingegen keine Forderung, sondern ein Appell bzw. ein Wunsch nicht zuletzt an sich selbst, da es keine für Revolutionen zuständige Instanz gibt (Bundesaufsichtsamt für Revolutionsfragen o. ä.).
Forderungen abgrenzen. Im Sinn der Klarheit empfiehlt es sich, eine Forderung bzw. deren mehrere textlich abzugrenzen vom dazugehörigen politischen Begründungszusammenhang (der sinnvollerweise natürlich mit aufgestellt und verabschiedet wird).
Erfüllbarkeit von Forderungen bedenken. Dies ist auf keinen Fall ein Aufruf, sich nur auf „pragmatische“, „machbare“, „realistische“ Forderungen zu beschränken – im Gegenteil. Nach einem alten Spruch, an dessen Quelle ich mich nicht mehr erinnere, erreicht nur der das Mögliche, der das Unmögliche fordert. Insofern spricht nichts dagegen (wenn denn die politische Stimmung so ist), bei der Aufstellung von Forderungen sich nicht auf die unteren Ränge einer nach oben offenen Weltrevolutionsskala zu beschränken. Trotz allem gilt es gerade bei Abwägungen, wie viel man schon erreicht hat (gerade in Diskussionen um ein Streikende), zu bedenken, welche Forderungen kurzfristig erreichbar waren und welche nicht.
Die „Basis“
Zu den schönsten Erfahrungen in Streiksituationen gehört, dass sich auf einmal viele, viele Menschen für das interessieren, was man zuvor mit doch recht durchschnittlicher Resonanz im stillen AStA-Kämmerlein betrieben hat. Der dafür zu zahlende Preis besteht wie oben bereits angedeutet darin, dass der Prozess der Weitergabe des eigenen, über längere Zeit erarbeiteten Wissens ein mühseliger ist. Hierzu lässt sich wenig sagen, außer dass Geduld gefordert ist.
Wie man es nicht machen sollte, hat der Autor dieser Zeilen 1993 als junger AStA-Mitarbeiter an der Uni Köln vorexerziert:
Nachdem sich zahlreiche StudentInnen beschwert hatten, der AStA habe in den Vormonaten nicht hinreichend über die bildungspolitische Lage informiert, schrieb ich in einer der Streikzeitungen eine Publikumsbeschimpfung dergestalt, dass alle StudentInnen ja die AStA-Zeitungen der vergangenen Monate hätten lesen und am besten direkt bei sich zu Hause archivieren können – jetzt die ganze Zeit immer dieselben Fragen zu stellen, sei ja wohl auf Dauer nicht hinzunehmen. – Daher mein Appell: So bitte nicht.
Streiks als „Nachwuchsförderung“
Es bleibt als letztes der „Hinweis in eigener Sache“ für studentische Organe, dass Streiks – jenseits der natürlich im Zentrum stehenden politischen Auseinandersetzungen – auch immer eine hervorragende Gelegenheit sind, StudentInnen neu zum kontinuierlichen Engagement zu gewinnen und damit die eigene, stets zu schmale Personalbasis zu vergrößern. Zu den bedauerlichsten Erscheinungen von 1997 zählte, dass genau dies nicht geschehen ist, sondern fast sogar das Gegenteil. Das muss aber nicht so sein! Interesse an weiterem Engagement ist fast immer vorhanden, und es ließe sich nutzen. Wie das nun genau von Statten gehen könnte und wie die bekannte Kluft zwischen den „Engagierten“ und der „Basis“ einmal systematisch aufzuarbeiten wäre, das ist allerdings eine andere Geschichte und wird hoffentlich ein andermal erzählt werden.
1.2 Reflexionen zum Weimarer Universitäts-Streik 2003/2004
Vom Dezember 2003 bis zum Januar 2004 wurde die Bauhaus-Universität Weimar von Studierenden ‚bestreikt’. Nicht nur gingen mit diesem Streik die ersten hochschulweiten Vollversammlungen seit Jahren einher. Auch brach man hochschulintern wie -extern mehr oder minder ein ‚Tabu’ - und verließ somit nachhaltig den gewohnten politischen Handlungsspielraum. Nicht nur die Landesstudierendenvertretung hatte sich bereits im Vorfeld der Proteste klar von Hochschulstreiks als politischen Mitteln distanziert. Auch bei der lokalen Studierendenvertretung traf die Idee, dergestalt Politik zu betreiben, mehr auf Ablehnung denn auf Applaus. Stattdessen plädierten alle mehrheitlich für Kundgebungen, Flugblätter und noch ausführlichere Verhandlungen mit der ‚großen Politik’. Sie sahen sich, da durchgehend – und großteils parallel zu Job und Vollzeitstudium – im Ehrenamt tätig, überfordert von dieser, ihrer Meinung nach „zu großen“ Idee. Und befürchteten, sich bei den politischen Akteuren ‚unbeliebt’ zu machen. Dennoch – oder gerade deshalb: Eine kleine Gruppe Studierender initiierte eine Bewegung, die nach kurzer Zeit mehrheitsfähig wurde – und einen mehrere Wochen andauernden Streik ausgelöst hat. Dieser veränderte zwar nicht die Welt im Großen, bewirkte jedoch, dass die Studierenden begannen, sich mit ihren ureigensten Problemen intensiv selbst zu beschäftigen. Und veränderte in Folge dessen die Strukturen studentischer Interessensvertretung auf lokaler und Landesebene. Im folgenden Kapitel soll der Verlauf dieses, unseres Streiks kurz umrissen werden. Dabei werde ich mich bemühen, positive und negative Erfahrungen anhand von Reflexionen zusammenzufassen und jeweils verschiedene Handlungsoptionen deutlich zu machen. Dennoch kann dieser Text nur einen sehr fragmentarischen Abriss der Ereignisse liefern – und wird sich mehr auf „Formen“ denn auf „Inhalte“ beziehen.
Davor
Ende des Jahres 2003 wurden in Thüringen Langzeitstudiengebühren eingeführt und war die Situation der Hochschulen nach nunmehr 2 Jahren der Kürzungsorgien zunehmend desolat. Der so genannte „Thüringer Hochschulpakt“ hatte die Mittel der Hochschulen seit 2 Jahren auf dem Niveau von 2001 eingefroren – und seitdem aufgrund stets steigender Studierendenzahlen, Inflation und Gehaltserhöhungen jährlich zu ca. 10% Kürzungen gezwungen. Die Seminare und Vorlesungen wurden immer voller, Betreuung gab (und gibt) es kaum mehr; Langzeitstudiengebühren nahm mensch als Vorboten allgemeiner Studiengebühren wahr. Unsere Studierendenvertretung interessierte sich zwar für die Probleme, sah jedoch keine Handlungsmöglichkeiten außerhalb der gewohnten Bahnen. Als einige Studierende die Idee aufbrachten, doch eine Vollversammlung einzuberaumen, um im Idealfalle einen Streik zu beschließen, mit dem man sich auch solidarisch zu anderen streikenden Hochschulen zeigen würde, stieß dies auf Ablehnung. Es sei nicht leistbar, erfuhren wir. Wir begannen also, uns selbst zu organisieren und machten erst einmal – dies wieder mit Unterstützung unserer Studierendenvertretung – die uns bekannten Missstände und Probleme hochschulöffentlich bekannt, verteilten Flyer, klebten Plakate usw. usf. Mit all diesen Informationen luden wir die an Abhilfe interessierten zu einem offenen Plenum ein, das dann fast täglich im Haus der Studierenden stattfand und immer mehr Menschen anzog. Dieses Plenum, das großteils als ‚Open Space’ organisiert war, ohne RednerInnenliste auskam und immer wieder in ‚Brainstormings’ Ideen zusammentrug, wurde zum Motor alles Späteren. Als klares Ziel formulierten die dort Anwesenden recht schnell, eine Vollversammlung organisieren zu wollen – und verstreuten sich dann in mehr oder minder autonom agierende Gruppen, die ihre jeweils eigenen Ideen zur ‚Vermarktung’ und Organisation einer solchen Vollversammlung frei von der Mitbestimmung anderer umzusetzen begannen. Der Termin für die Vollversammlung war bereits auf den 9. Dezember 2004 festgelegt. Und so standen dann eines winterlichen Morgens einige AktivistInnen in Unterhosen vorm Goethehaus und hielten ein Transparent hoch, auf dem zu lesen war „Hier bin ich Mensch, hier zahl ich ein.“ Die Presse ließ nicht lange auf sich warten. Und auch die PassantInnen wurden in Gespräche verwickelt und über die desolate Situation der Universität aufgeklärt. Andere AktivistInnen beschlossen, sich als Kamerateam verkleidet in die Mensa zu begeben und im Rahmen einer „paradoxen Intervention“ die Studierenden zu interviewen. Diese wurden als dann danach gefragt, was für riesige Probleme es denn momentan an ihrer Universität so gäbe. In ganz Thüringen spräche man ja inzwischen davon. Die Studierenden hatten verschiedene und stets persönliche Antworten hierauf parat, wurden zudem jedoch mit der Information konfrontiert, sie seien, ohne dies zu wissen, zum Politikum geworden – und begannen, sich zu informieren, was überhaupt geschah. Ein drittes Team von AktivistInnen begab sich Anfang Dezember als Weihnachtsengel und Weihnachtmänner verkleidet zur Hauptessenszeit in die Mensa und verteilte Geschenke. Nachdem die Studierenden diese geöffnet hatten, fanden sie ein Rückmeldeformular über 590,- EUR sowie den Hinweis: „Ab nächstem Jahr werden Studiengebühren eingeführt. Weitere Informationen erhältst Du auf der kommenden Vollversammlung am 9. Dezember“ vor. Wieder andere AktivistInnen begannen damit, systematisch Lehrveranstaltungen zu ‚stören’, was jedoch fast nie als Störung aufgefasst wurde: Sie begaben sich zu Beginn der Vorlesungen in die Hörsäle und machten kurz die ihnen bekannten Probleme publik. Wieder andere errichteten in der Mensa – dort, wo mensch uns sonst Zeitungsabos verkauft - einen Stand, an dem die Studierenden aus einer umfassenden Kartei aller ProfessorInnen eineN zu wählen und für die zukünftige private Betreuung ihres Studiums zu mieten vermochten. Auf diese Art und Weise wurde in Stadt und Hochschule eine mehr oder minder paradox-nervöse Stimmung erzeugt: Alle waren sich darüber bewusst, dass etwas „Großes“ geschah, niemand jedoch wusste, worum es genau ging. Die AktivistInnen hatten das sonst übliche Kommunikationsproblem einfach auf die Seite der anderen delegiert – so dass diese nun zu uns kamen, hofften wir. Und das taten sie dann auch. Die Vollversammlung war rege besucht – und wurde inzwischen auch von unserer Studierendenvertretung getragen und unterstützt. Auf der Vollversammlung forderte diese dann einen oder mehrere ‚Aktionstage’ ein – einmal die Woche sollte mensch protestieren. Wir hielten uns mit unserer Meinung zurück, stellten jedoch die Probleme (Langzeitstudiengebühren etc.) noch einmal vehement zur Diskussion. Die seien doch toll, rief jemand. Endlich sei Schluss mit der Faulenzerei! Nun meldeten sich jedoch einige LangzeitstudentInnen zu Wort und verwehrten sich gegen diese Diffamierungen. Eine Mutter mit Kind, der ihr Hochschulwechsel nicht anerkannt worden war, verdeutlichte wider die zuvor herrschende Meinung einiger, wie diskriminierend diese Praxis der Gebühren ist. Allmählich begannen dann alle Anwesenden zu berichten, wie schlecht ihre individuellen Lernbedingungen inzwischen sind. Und uns wurde allmählich bewusst, wie wenig der vorhandenen Probleme uns – und der Studierendenvertretung - bisher überhaupt bewusst waren. Irgendwann stand dann jemand auf und resümierte, uns allen ginge es immer schlechter. Wenn wir jetzt nichts täten, würde das nie anders werden. Und er forderte, die Studierendenschaft möge in einen unbefristeten Streik treten. Nach einigen Diskussionen zu möglichen Verfahrensweisen wurde diesem Vorschlag mit großer Mehrheit zugestimmt. Reflexionen:
Unserer Erfahrung nach kann mensch mit nur sehr wenigen Menschen sehr viel erreichen. Paradoxe Interventionen, unsichtbares Theater oder Performances vermitteln hierbei Informationen respektive Informationsbedürfnisse besser als Flugblätter etc.
Für uns hat es sich bewährt, sich in einer ‚Basisgruppe’ zu organisieren, auszutauschen und auf gemeinsame Ziele zu einigen, dann aber jeder Person und Idee Raum zur Verwirklichung zu geben. So wuchs unsere Gruppe binnen kürzester Zeit von zwei auf ca. 30 AktivistInnen an, wurden die Ideen kreativer und wirkungsmächtiger.
Auch hat es sich für uns als zielführend erwiesen, an die studentische Vollversammlung nicht mit Maximalforderungen heranzutreten; unserer Meinung nach hätte weder die Studierendenvertretung noch unsere Gruppe selbst einen Streik ‚durchgekriegt’.
Dabei
Noch direkt auf der Vollversammlung wurden Arbeitsgruppen gegründet und die zukünftige Vorgehensweise abgesprochen. Unter anderem gab es Arbeitsgruppen zu: Prüfungen, Blockaden, Catering, Soliarbeit, Öffentlichkeitsarbeit, Inhalten etc. Sehr bald wurde allen klar, dass ein Großteil der Studierenden große Angst vor durch diesen Streik möglicherweise entstehenden persönlichen ‚Nachteilen’ hatte. So entstand unter anderem die AG „Prüfungen“, welche die prüfungsrelevanten Fragen mit der Hochschule zu klären begann. Und so einigten wir uns dann auch, nichts zu ‚besetzen’, sondern die Universität ‚nur’ zu blockieren: Ab dem Folgetag wurden Studierende am Zugang zu Hochschulgebäuden gehindert und über die Situation informiert. ProfessorInnen wurden zwar eingelassen, fanden jedoch keine Studierenden mehr vor. Ein durchgehend geöffnetes offenes Plenum fing hierbei all die „Neuen“ oder „StreikgegnerInnen“ auf und deckte ihr Informationsbedürfnis ab. Teilweise gewann es sie sogar für den Streik. In den folgenden Wochen geschahen dann die eigenartigsten Dinge: KunststudentInnen okkupierten zunehmend den öffentlichen Raum. „Wir streichen“ hieß eine Aktion, bei der auf öffentlichen Plätzen in halb Weimar Staffeleien einzig mit Schwarz angemalt wurden. „Durchblick für die Bildung“ eine weitere, bei der an Ampeln haltenden Fahrzeugen die Scheiben geputzt und an die FahrerInnen Flyer ausgeteilt wurden. „Vollgas für die Bildung“ stand mit einer riesigen Autorennbahn auf dem Weimarer Theaterplatz, ließ Kinder spielen und informierte die interessierten Eltern über die Kürzungen in der Bildungspolitik. Viele Weimarer BürgerInnen wurden informiert und solidarisierten sich mit uns. Ein Stadtrat verweigerte dem Finanzamt die Zahlung seiner Steuern und spendete diese lieber uns. Frei nach der Devise: Wenn der Staat nicht für die Bildung unserer Kinder aufkommt, dann tun wir dies eben selbst. Die Medien waren dankbar, bunte Bilder von uns geliefert zu bekommen, erwiesen sich jedoch nicht dauerhaft als unser Freund. Zum einen verkürzten sie unsere Inhalte. Zum anderen ließen sie in wenigen Sätzen uns zu Wort kommen, um dann den Rest ihrer Artikel mit Gegenreden der lokalen Politgrößen oder StreikgegnerInnen zu füllen. Obwohl die inhaltlichen AGs inzwischen an einem „Schwarzbuch Bildung“ arbeiteten, unsere Inhalte besser und fundierter wurden, geriet unser Streik schließlich dadurch, dass wir den Medien gestatteten, über Gelingen und Nicht-Gelingen unseres Handelns zu urteilen, und die Reflexionen der Medien als gesellschaftliche Absoluta, nach denen mensch sich richten sollte, akzeptiert wurden, immer mehr und mehr zum „Happening“. Die inhaltlichen Arbeitskreise, die durchgehend arbeiteten, und sich ReferentInnen von BdWi und fzs bedienten, schienen einem Großteil der Studierenden bald nicht mehr so attraktiv wie eine öffentlichkeitswirksame Aktion zu sein, mit der man sich des „Lobes“ der Medien sicher zu sein glaubte. Die Pressestrategie, die zumindest bezüglich wider die letzten Worte der PolitikerInnen in der Berichterstattung ein wenig half, war, diese zum einen lächerlich zu machen und zum anderen argumentativ in die Ecke zu drängen. Hatten wir anfänglich immer vertreten: „Wir werden weggekürzt, uns geht es nicht gut“ und die Ministerin erwidert: „So ein Quatsch, da ist doch alles bestens vor Ort“, wurden wir nun dreister und beschränkten uns in unserer Pressearbeit auf so wenig Fakten wie möglich, auf dass diese dann nicht mehr umzudeuten oder kürzen waren. Kommentare lauteten nun: „Frau Ministerin hat keine Ahnung, was sie eigentlich tut. Dreist belügt sie die Öffentlichkeit und behauptet, uns ginge es doch eigentlich gut, was tatsächlich nur eines deutlich macht: Sie war als Wissenschaftsministerin seit Jahren nicht mehr an einer Universität.“
Die wohl ‚beste’ weil wirksamste Berichterstattung für unsere Sache lieferte eines Tages eine Reportage, die sich endlich einmal ausführlich mit dem Leben und Wirken eines „Langzeitstudenten“ beschäftigte. Detailliert konnte ein Streikaktiver hier darlegen, warum er für das, für was er nun bestraft wird, nichts kann. Diese persönliche und individualisierte Berichterstattung brachte uns mehr Punkte ein als viele andere Artikel zuvor. Eines Tages gaben einige Aktive vor, der Jungen Union anzugehören und einen Termin bei Frau Ministerin zu haben. So gelangten sie nicht nur in den Landtag, sondern platzten mitten in eine Plenarsitzung der Landesregierung hinein, auf der alle Anwesenden den Morgen mit Sekt begannen. Frau Ministerin, die zu spät kam, war mehr als nur ein wenig peinlich berührt, als sie in ihrer Plenarsitzung damit konfrontiert wurde, dass Studierende der Bauhaus-Universität ihr vor ihren KollegInnen nun ein „Schwarzbuch Bildung“ überreichten, dem auf 40 Seiten die Auswirkungen ihrer Politik zu entnehmen waren. Frau Ministerin hatte nun sowohl nach ‚außen’ wie auch nach ‚innen’ Probleme, weiterhin zu erklären, dass eigentlich doch ‚alles in Ordnung’ sei. So kam sie denn auch mehrmals zu Podiumsdiskussionen und wurde von den inzwischen ‚aufgeklärten’ Studierenden in Anwesenheit der Presse in Grund und Boden argumentiert. Dennoch ließ sie es sich nicht nehmen, auch noch auf einer von Weimar aus organisierten Großdemonstration zu sprechen. Diesen Gefallen taten wir ihr gern. Die Presse titelte bereits am Tag zuvor: Frau Ministerin spricht auf einer Demonstration gegen ihre eigene Politik! Die Landesstudierendenvertretung, die merkte, wie sehr ihr die „Felle“ davonschwammen (sprachen doch wir und nicht mehr sie persönlich mit Frau Ministerin) hatte uns bei der Mobilisierung zu dieser Demonstration unterstützt, so dass sich eines schönen Tages in Erfurt ca. 4.000 Thüringer Studierende einfanden. Ein paar hundert WeimarerInnen waren morgens bereits um Fünf gestartet, um die ca. 40 Kilometer dorthin zu Fuß zurückzulegen. Spätestens mit den Reden auf dieser Demonstration wurde endlich klar, worum es die ganze Zeit schon ging: Dass Studierende die RentnerInnen, ArbeitnehmerInnen, Arbeitslosen und Kranken der Zukunft sind und die momentane Problematik an den Hochschulen nicht losgelöst von gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen betrachtet werden kann. Und dass die Sparpolitik der Regierungen nicht viel mehr als eine dreiste Lüge ist. Der Abschlussredner widersprach hierbei nicht nur vehement der vor ihm redenden Ministerin, sondern machte auch klar, die Studierenden sollten sich organisieren und bspw. zur Kenntnis nehmen, dass der Studierendenrat der Universität Erfurt seit längerem bereits offiziell für Studiengebühren eintrete. Dies geschah dann zum Teil auch. Auf unserer letzten Vollversammlung im Januar hatten wir zumindest ein paar Dinge erreicht, wenn auch keine einzige unserer politischen Forderungen umgesetzt: 1. Frau Ministerin war in der öffentlichen Kritik. 2. Unser Streik hatte zum ersten Mal nach der Wiedervereinigung bis in den Januar hinein gereicht – und somit den Staffelstab direkt an die Universität Leipzig übergeben können; wir hörten auf zu streiken und eine andere Hochschule in den neuen Bundesländern fing an. 3. Viele der Studierenden waren sich nun der Problemlage ihrer Hochschule bewusst.
Reflexionen:
Die Arbeit mit der Presse hat sich trotz aller Kooperation als durchgehend schwierig erwiesen. Unsere Inhalte wurden verkürzt, lächerlich gemacht, relativiert. Die „Gegenseite“ bekam meistens mehr Platz als wir. Rückblickend sind wir daher der Meinung, dass bei Streiks und Protesten die Presse möglichst nur spärlich mit Informationen zu versorgen ist; und diese dann möglichst prägnant und dialektisch aufbereitet sein sollten. So macht es bspw. einen großen Unterschied zu sagen: „Wir haben zu wenig Geld“ und hierauf eine einseitige Pressemitteilung aufzubauen – oder aber 4.000 Leute auf einer Demo einheitlich und ausschließlich sagen zu lassen: „Wir demonstrieren für eine Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten. Dafür, dass die immer mehr werdenden Millionäre mittels höherer Steuern endlich wieder gesellschaftliche Verantwortung übernehmen!“
Die Medien sind immer darum bemüht, vermeintlich „ausgewogen“ zu berichten, so dass im Zweifelsfall ein Minister jederzeit 100.000 Protestierenden medial zu widersprechen vermag. Darüber hinaus haben Medien als Kapitalgesellschaften kein wirkliches Interesse daran, elementare Gesellschaftskritik fundiert und glaubwürdig zu vermitteln. Wir möchten daher empfehlen, für die inhaltliche Vermittlung von vorn herein primär alternative Medien und zwischenmenschliche Interaktion vorzusehen: Paradoxe Interventionen im öffentlichen Raum, persönliche Gespräche etc. pp.
Eine Vollversammlung, egal von wem organisiert, kann einen Streik beschließen. Oder wie bei uns: Basisgruppen können versuchen, Themen zu setzen und Prozesse zu initiieren und so den „Bedarf“ nach einer Vollversammlung oder Widerstand erzeugen. Was uns dennoch unbedingt nötig erscheint, ist, zukünftig von vorn herein mehr Wert auf die Vermittlung von Inhalten und gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen zu legen. Das „Hildesheimer Modell“ eines Streiks erscheint uns hierbei als sinnvoll, ist jedoch in unserem konkreten Falle nicht realisierbar gewesen: Vor allem anderen wird hierbei zuerst in intensiven Arbeitsgruppen an Inhalten und der Planung eines Streiks gearbeitet, dann tritt man mit seinen Ergebnissen an die Hochschul-Öffentlichkeit.
Sollte dies, wie im Falle unseres Streiks, nicht möglich sein, möchten wir anregen, Streiks und Proteste zukünftig von Anfang an gesamtgesellschaftlich zu argumentieren. Auch Studierende haben Arbeitslose, Kranke, Rentner oder von Arbeitslosigkeit und Lohnkürzungen bedrohte Bekannte. Auch und insbesondere Studierenden muss mensch – und zwar von vorn herein – vermitteln, dass die momentane und alternativlos daherkommende Politik eine wider die Menschen gerichtete Lüge ist. Es ist falsch, dass die Lohnnebenkosten zu hoch sind, der Generationenvertrag nicht mehr trägt etc. pp. Um die eigene Argumentation diesbezüglich zu festigen, empfehlen wir die Literatur von Albrecht Müllers „Die Reformlüge. 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren“. Hierauf aufbauend wäre es möglich, gleich bei Beschluss eines Streiks Arbeitsgruppen wie „Soziales“, „Militarismus“ etc. zu etablieren, um größere Zusammenhänge deutlicher aufzeigen zu können.
Wir haben versucht, „SkeptikerInnen“ mittels offener Plenen, die ganztägig stattfanden und mit StreikaktivistInnen besetzt waren, zu integrieren. Dies gelang teilweise sehr gut.
MedienstudentInnen haben den Streik durchgehend auf Video dokumentiert. Diese Videos wurden jeweils auf den Vollversammlungen vorgeführt – und haben die Motivation der Anwesenden nachhaltig erhöht.
Was die Beteiligung an unserem Streik unserer Meinung nach nachhaltig steigerte, war die Entscheidung, die vorhandene Infrastruktur unserer Studierendenvertretung für die Streik-Zeit allen frei zugänglich zu machen. Nicht nur waren alle Ideen jederzeit willkommen und konnten auf Unterstützung oder zumindest Vernetzung hoffen; auch standen nun Computer, Drucker, Telefone und anderes zur umgehenden Realisierung bereit.
Danach
Darüber hinaus war ein recht umfassender Politisierungsprozess festzustellen. Eine Zeitlang traten die Studierenden den Lehrenden gegenüber selbstbewusster auf. Bei der Neuwahl der studentischen Gremien gab es endlich wieder neue Kandidaturen. Und: Obwohl der Streik im Januar in ein „Studieren im Ausnahmezustand“ überführt wurde, da die Prüfungszeit kam und jedeR Angst um seine eigene Haut bekam, waren die Proteste noch lange nicht vorbei. Einige Studierende gründeten das Projekt uni.formen, sorgten dafür, dass dieses als „die 5. Fakultät“ (von vieren) in das Vorlesungsverzeichnis aufgenommen wurde und führten im Folgesemester autonome Seminare durch. Das Referat für Hochschulpolitik organisierte mit fzs und BdWi zusammen eine Vorlesungsreihe zu kritischer Wissenschaft, die über ein ganzes Semester lang nicht nur Anklang fand, sondern die inhaltliche Arbeit auf eine neue, gesamtgesellschaftlichere Ebene überführte. Als ein paar Wochen nach Ende des Streiks die Landesregierung der Stadt Weimar eine Urkunde überreichte, dass sich Weimar nun offiziell „Universitätsstadt“ nennen dürfe, hatten einige von uns endgültig genug. Erst wurden wir seitens der Politik ignoriert und wurde unser berechtigter Protest ausgesessen. Und nun, anschließend, verlieh man sich öffentlichkeitswirksam auch noch selbst eine „Ehrenurkunde“ und warb nach außen mit eben unserer, vom finanziellen Exodus bedrohten Universität für seine eigene, schlechte Politik. Als einige Studierende dann bei der feierlichen Übergabe im Rathaus auftauchten und meinten, so was müsse mensch schon mit den Betroffenen zusammen machen, hatte niemand der anwesenden PolitikerInnen etwas dagegen. Auf den Wunsch eines Fotografen, die Urkunde doch auch einmal in den Händen der Studierenden fotografieren zu dürfen, verschwanden plötzlich Urkunde und Studierende. Was anschließend geschah, war dann bedrohlicher und wohl auch ‚politischer’ als der gesamte, kurz zuvor beendete Streik: Der Staatsanwalt rief in unserem Studierendenkonvent an, die Polizei fragte, was man wisse. Der Rektor bedrohte uns – er wollte unsere studentische Selbstverwaltung schließen. Der halbe Landtag, so berichtete man, sei völlig aufgebracht. Irgendwie hatten wir plötzlich die politische Aufmerksamkeit, die wir seit Wochen herzustellen versucht hatten: In aller Öffentlichkeit hatten wir nicht nur die Regeln gebrochen, sondern die Lügen der Landesregierung entblößt.
Als erstes knickte unsere Studierendenvertretung ein: Ja, das sei ein Fehler gewesen, das hätte mensch nicht tun dürfen; man müsse sich von den AktivistInnen umgehend distanzieren. Diese wiederum argumentierten, es sei ein Dolchstoss in den Rücken, Menschen, die für die richtige und gemeinsame Sache Mut bewiesen, nun die Solidarität zu entziehen. Schließlich einigte mensch sich darauf, die aufgrund des weiterhin aktiven „Ausnahmezustandes“ anberaumte Vollversammlung zu befragen. Und siehe da: Die Studierenden selbst erklärten sich solidarisch mit diesem „Ausleihen“ einer Urkunde und brachten sie anschließend in einer spontanen Demonstration am Nachmittag der Stadtverordnetenversammlung zurück, der sie zudem ordentlich die Leviten lasen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte fortan wegen „Urkundenunterdrückung“ (einem Offizialdelikt) gegen Unbekannt; die Ermittlungen verliefen jedoch schließlich im Sande. Noch Wochen später sprach mensch an der Universität von dieser Aktion. Einige Zeit später erreichte uns die frohe Kunde, dass die Studierenden der Universität Erfurt inzwischen tatsächlich ‚aktiv’ geworden waren und ihren Studierendenrat, der nach wie vor (und wider die Ergebnisse einer studentischen Urabstimmung) für Studiengebühren agierte, zum Rücktritt ‚überreden’ konnten. Unser Intervenieren (in Form von Flyerverteilen etc.) an anderen Hochschulen hatte also etwas bewirkt – was uns in Folge zumindest eine Sperrminorität in der Landesstudierendenvertretung einbrachte und somit die Möglichkeiten, dort sinnvolle Politik zu machen, ausgebaut hat.
Reflexionen:
Sollte eine studentische Vollversammlung einen Streik beschließen, möchten wir nahe legen, umgehend die Rolle der gewählten VertreterInnen während dieses Streiks zu klären. Möglich wäre, dass während dieser Zeit niemand irgendein offizielles Amt wahrnimmt und jedeR mit jedeR gleichberechtigt agiert. Oder aber, dass die Studierendenvertretung als Schnittstelle (zur Hochschulleitung etc.) agiert, die Bewertung von Aktionen jedoch stets den Vollversammlungen überlässt.
Unsere Soliarbeit mit anderen Hochschulen hat in unserem Falle bewirkt, dass ein Thüringer Studierendenrat, der wider die Interessen seiner Studierenden agierte, abgesetzt worden ist. Bereits während der Aktionen und vor unserer Großdemonstration, auf welcher dies zum Thema gemacht wurde, hatte man uns nahe gelegt, zu schweigen und uns nicht in die „Zuständigkeiten“ anderer einzumischen. Wir sind froh, dass wir dies dennoch getan haben – und möchten Euch ermutigen, dasselbe zu tun.
Wider die Meinung der Landesstudierendenvertretung, Streiks seien kein adäquates Mittel, politische Ziele zu erreichen, haben wir nicht nur gestreikt, sondern auch noch „Erfolge“ erzielt. Mittels dieses bewussten „Tabubruches“, den man unserer Meinung nach gezielt einsetzen kann und sollte, hat sich nun die politische Wahrnehmung auch und insbesondere in der Landesstudierendenvertretung verändert. Bei zukünftigen Problemen, da sind wir sicher, wird ein „Streik“ vielleicht nach wie vor nicht mehrheitsfähig, der diskutierte Handlungsspielraum hierfür jedoch um einiges größer als zuvor sein.
Probleme ergaben sich dabei, unsere Aktionen und Proteste „Streik“ zu nennen. So solidarisch diese Bezeichnung denn auch in Richtung der ArbeitnehmerInnen ist, so sehr vermittelt sie doch auch nach außen: Wir machen zu und gehen nicht hin; woraufhin sich die Menschen dann denken: Man, sind die blöde, die bestrafen sich doch nur selbst. Nachdem wir dies erkannt hatten, wurde unser Streik zwar in einen „Aktiv-Streik“ umbenannt, das Kind war jedoch mehr oder minder schon in den Brunnen (der öffentlichen Wahrnehmung) gefallen. Wir möchten daher anregen, zukünftig mit anderen Begriffen zu hantieren. Und bspw. – wie die FU Berlin 1989 – von vornherein von einer „Besetzung“, die dann als aktiv und nicht passiv wahrgenommen wird, zu sprechen. „Befreit“ also Eure Hochschulen. Vermittelt nach innen wie außen: Es geht nicht darum, Aktionen (und erst recht nicht einzig für die Presse) zu machen, sondern selbst bestimmt zu lernen, Seminare selbst zu organisieren, Themen und Methoden selbst zu wählen und eben Alternativen zum momentanen Lehrbetrieb zu entwickeln etc. pp.
Darüber
Der Streik hat auf der ein oder anderen Eben etwas verändert – zuallererst jedoch wohl bei ‚uns’. Nicht wenige waren danach der Meinung, in diesen wenigen Wochen mehr ‚gelernt’ zu haben als während all der bisherigen Semester an dieser, unserer Universität. Vor allem zwei Dinge machen uns rückblickend nun jedoch sehr nachdenklich. Zum einen, dass die Aktion, mit der wir unserer Meinung nach am meisten bewirkt haben, das ‚illegale’ Ausleihen einer Urkunde also, auch jene war, die am weitesten von unserem üblichen und zivilen Spektrum des Widerstandes entfernt war.
Und zum zweiten, dass zwar bei vielen Studierenden ein Problembewusstsein geschaffen wurde und einige später sogar in den Ämtern unserer studentischen Selbstverwaltung aktiv geworden sind, dass diese jedoch unlängst ihre Mandate wieder niedergelegt haben, weil ihnen all die reglementierten politischen Verfahren nicht geeignet erscheinen, um diese Welt in ihrem Interesse neu zu gestalten.
Sollten im Laufe diesen Jahres Studiengebühren eingeführt werden, möchten wir anregen, einen bundesweiten ‚Streik’ zu initiieren. Hierfür erscheint es uns sinnvoll, zeitgleich so viele Hochschulen wie möglich, mindestens jedoch einen „Leuchtturm“ pro Bundesland, der dann ausstrahlt, zu ‚besetzen’. Sich anschließend mehr um Inhalte denn um Medienwirkung zu bemühen - und währenddessen damit zu beginnen, nicht nur das Selbstverständnis anderer und der Gesellschaft, sondern auch jenes der eigenen Politik kritisch zu hinterfragen. Ein Anfang hierfür wäre gemacht, wenn mensch sich während dieser Proteste in Toleranz gegenüber den Wünschen und Potentialen anderer AktivistInnen und KritikerInnen zu üben begönne - und weder Partizipationswünsche noch verschiedene Wahrnehmungen der politischen Wirklichkeit von vornherein in ‚richtige’ und ‚falsche’ kategorisierte. Was es in diesem Sinne bräuchte, wäre ein einheitliches und für alle tragbares Ziel unserer Proteste, bspw. die Forderung nach der „Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten“, um die Hochschulen anders finanzieren zu können. Was es unserer Meinung nach hingegen nicht braucht, ist eine ausformulierte und bundesweit herumgereichte „Resolution“, die politische Konzepte mehr verordnet denn Politik als vor Ort stattfindenden Aushandlung- und Bewusstseinsbildungs-Prozess versteht.
Nun bräuchte mensch eigentlich nur noch ... einen Termin! Jens Wernicke
1.3 Reflexionen zum Leipziger Universitäts-Streik 2003/2004
Zu aller Anfang stand die Vollversammlung. Im Dezember 2003 fanden bundesweit am 13. Dezember drei Großdemonstrationen statt, in Frankfurt, Berlin und Leipzig. Im Vorfeld dieser gab es nach einiger Ruhe an der Uni eine Vollversammlung. Auch wenn die Streikwelle bereits quer durch die BRD gerollt war, hat sie an diesem Tag noch mal rückwirkend die Studierenden in Leipzig eingeholt. Während der VV wurde für den Januar der Streik beschlossen und es wurde zur Gründung eines Streikkomitees aufgerufen. Dem folgend fanden sich noch vor Weihnachten fast 150 Leute zusammen und fingen an, sich Gedanken zu machen, was Streik bedeuten kann. Das erste Treffen begann völlig unkoordiniert, wandelte sich aber binnen der ersten Stunden schlagartig, nachdem sich die ersten Konsequenzen des Vorhabens herauskristallisierten. Wir begannen, einen Aufruf und Mitteilungen für die DozentInnen zu schreiben und die ersten Aktionen zu planen. Die Frage, die uns als zentrale beschäftigte, war die der Art und Durchführung einer solchen Aktion. Da große Teile der Studierenden annähernd unpolitisch waren und keine Ahnung von Studiengebühren und Hochschulfinanzierung hatten, geschweige denn etwas über die Hochschulvereinbarung in Sachsen wussten, standen wir vor dem Problem der Vermittlung. Da es an so einem Punkt unmöglich erschien, den Lehrbetrieb einzustellen und die Uni einfach dicht zu machen, haben wir experimentiert. Heraus kam ein „konstruktiver Streik“, d.h. der Lehrbetrieb wird nicht blockiert, Veranstaltungen laufen weiter, Prüfungen finden statt. Allerdings wurde ein Teil der Veranstaltungen einfach umgewidmet. Weite Teile der DozentInnen unterstützten das Vorhaben, zu Protestieren, ohne zu Blockieren. Sie hielten Seminare in Straßenbahnen und auf öffentlichen Plätzen ab, erkannten diese Leistungen an und legten sich ab und zu auch mit den Sicherheitskräften privater Einkaufsstraßen an, was auch mal in Anzeigen wegen Körperverletzung gipfelte. Das Rektorat ließ verlauten, es unterstütze das Anliegen der Studierenden, insbesondere mit diesem „konstruktiven“ Ansinnen. Einen Tag später wurde es besetzt und für rund drei Wochen besetzt gehalten, denn wirkliche Unterstützung gab es nicht, nicht mehr als das die Phrasenkasse sich hätte füllen können. Währenddessen arbeiteten wir weiter. Aktionen von „Bildung zu Grabe tragen“ (wieder mit einem schicken Sarg) über „Bildung geht Baden“ (in der arschkalten Pleiße) bis zum „Streikporno“ (welcher erst durch die Bild-Zeitung zum Porno wurde, und eigentlich eher die Wahrnehmung der Gaffenden dokumentierte) waren drei Wochen lang jeden Tag am Start.
Mit der Aussperrung des Kanzler Schröder am 8. Januar durch rund 6.000 Studierende und die Belagerung seines Hotels, in dem gleichzeitig Klausurtagung der SPD war, schafften wir es auch in überregionale Medien, und dies nicht zu wenig. Die Frage nach der Langzeitwirkung stellt sich später. Durch das Weiterlaufen der Lehrveranstaltungen und die beginnenden Prüfungen nahm die Akzeptanz der Streikaktionen deutlich ab. Es wurden von dezidiert konservativeren Strömungen immer wieder Fragen der Legitimität und der Sinnhaftigkeit aufgestoßen. Der feste Kern des Streikkomitees bestand aus rund 50 Menschen, die ihr Studium in den Hintergrund gerückt hatten, und 24h in der Uni waren, um zu planen und zu organisieren. Entsprechend ausgepowert waren sie nach vier Wochen kontinuierlicher Arbeit. Zu sehr haben wir versucht, uns funktionstüchtige Strukturen zu geben (und zu wenig haben wir das geschafft), als den entstandenen Block „Streikkomitee“ aus den Köpfen der Studis zu bekommen. Ende Januar waren die „Streikis“ dann teilweise gar nicht mehr gern gesehen und wurden partiell aus Störung des gewohnten Alltags wahrgenommen. Nichtsdestotrotz, und ohne diese Leute, uns also, zu glorifizieren, konnten wir zumindest einen Teil der Studis auch während der Prüfungszeit mitziehen und politisieren. Es kam zu einem universitätsweiten Diskurs zwischen Studis und DozentInnen. Es gab unabhängig der Aktionen des Streikkomitees Diskussionen in Vorlesungen, Seminaren, in den Mensen und auf den Gängen. Dozierende waren teilweise überrascht über die plötzliche Aktivität ihrer Studierenden. Abgesehen von Spezialfällen wie Mediziner, Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern zog sich dieser Streik quer durch alle Studiengänge und es kam das Gefühl auf, dass nicht jeder nur seins machen dürfe. Doch mit den Semesterferien schlief alles ein. Ein Teil des Streikkomitees arbeitete weiter und plante das Sommersemester, wir waren aber nicht in der Lage, den Funken 2 Monate lang am Glühen zu halten. Auf der ersten Vollversammlung im neuen Semester wurde eine Fortsetzung des konstruktiven Streiks beschlossen, nur das Streikkomitee war nicht bereit, nochmals einen Streik für 30.000 zu organisieren. Bis heute befinden wir uns im konstruktiven Streik. Es gibt nur niemanden, der ihn vollführt.
Abschließend gesehen war immer wieder die Frage nach der Struktur eine sehr interessante. Notgedrungenerweise bastelten wir ein Konstrukt aus verschiedenen Arbeitskreisen zusammen (AK Presse, Orga, Aktion, Schulen, Inhalte, Streikbonbon; dazu Streikbüro und Streikcafé). Das hielt besser, als wir dachten, allerdings taten sich Kommunikationswege auf, die wir nicht erwartet hatten. Das große Plenum, welches täglich alle zusammenbrachte, wurde eher zum Diskussionsforum für mehr oder weniger Außenstehende, da die aktiveren Kreise bereits tagsüber miteinander abstimmen konnten, was inhaltliche Fragen oder Aktionismus anging. Mit der Zeit zeigten sich die Schwächen des Streikkomitees also vor allem in der internen Kommunikation, der Struktur mit den einzelnen AK’s, in der Vermittlung der Arbeit universitätsintern sowie in der Leistungsfähigkeit der Streikis. Unheimlich wichtig ist die inhaltliche Arbeit. Diese auf einen Aktionskreis zu konzentrieren führte bei uns zu einer Spaltung des Komitees. Wie auch immer müssten große Teile der Streikenden und der restlichen Studierenden in den inhaltlichen Diskurs einbezogen werden. Zu vermitteln, warum gestreikt werden sollte, mit welchen Forderungen und Zielsetzungen man arbeitet, ist fast Hauptaufgabe geworden.
Die Aktiven des Komitees haben sich durch ihre Arbeit definitiv verändert, in einer positiven bzw. sozialen Art und Weise. Keiner von uns hat bereut, fast ein ganzes Semester für diese Arbeit gelassen zu haben. Wir haben alle wahnsinnig viel gelernt und sind teilweise über uns hinausgewachsen. Die Wochen und Monate waren die anstrengendsten, die ich je hatte, aber auch die schönsten und beeidruckensten. Andreas Fest
1.4 Für offene, gleichberechtigte Proteststrukturen
In den vorigen Texten wurde schon die Problematik benannt, die der „Ausnahmezustand“ Streik (bzw. Hochschul-Besetzung) für die Rolle der offiziellen Studierendenvertretung mit sich bringt: Auf der einen Seite sind einige wenige StellvertreterInnen aus AStA, Fachschaften und anderen Gremien schnell mit einer uniweiten Protestkoordination überfordert, und wollen sich vielleicht nicht einmal an Protesten beteiligen, um ihre Position nicht zu gefährden, auf der anderen Seite braucht eine politisierte Studimenge, die während der Proteste selbst aktiv werden will, auch keine Stellvertretung mehr. Die ideale Konsequenz aus all diesen Punkten ist die „Auflösung“ offizieller Strukturen, soll heißen: Die Infrastruktur, Räume samt Ausstattung, Gelder, Materialien etc., die nur diesen Strukturen zur Verfügung standen, werden offen und gleichberechtigt für alle Studierenden zugänglich gemacht. In Gießen und Marburg (das zu dieser Zeit gerade keinen offiziellen AstA hatte) haben die Proteste im Wintersemester 2003 davon profitiert, dass genau das passierte. Sämtliche Gruppen, die sich während des „Streiks“ für konkrete Aktionen und Veranstaltungen zusammenfanden, konnten die Infrastruktur nutzen. Die Räume des AStA dienten als Treffpunkte, die Gruppen mussten sich natürlich selbst einigen, wer wann wo arbeiten konnte, aber das war kein Problem. Sie konnten mit den PCs direkt vor Ort Flyer und Informationstexte erstellen, und die AStA-Telefone dienten als Kontaktstellen für Presse und andere politische und soziale Organisationen zur Vernetzung. Zwar behielten sich einige Gewählte den Pressekontakt u.ä. Sonderfunktionen vor, aber auch das können andere Studierende übernehmen, und sollten es auch einfordern, wenn sie diesen Bereich für alle öffnen wollen. Es gründeten sich selbständig Gruppen, die die Koordinierung der verschiedenen Arbeitsgruppen, die Erstellung und Aktualisierung der Terminseite auf der Homepage, die Organisierung von immer neuen Materialien und andere orgatechnische Aufgaben übernahmen. Entgegen möglicher Befürchtungen, dass eine solche Masse von Aktiven und Aktionen nur von Hauptamtlichen koordiniert werden könnte, funktionierte die Selbstorganisation ganz gut. Vor allem, da sich der Protest über einige Zeit erstreckte, konnten die Beteiligten kontinuierlich an Prozessen arbeiten, sich dabei neue Fähigkeiten aneignen und aus eventuellen Fehlern lernen. Die Flut an unterschiedlichsten Aktionszusammenhängen und spontanen -zusammenschlüssen ergab eine ungeahnte Vielfalt an Ideen, die durch die schon vorhandene Infrastruktur auch gleich umgesetzt werden konnten (solche „Aktionsplattformen“ können auch an allen anderen Orten der Hochschule entstehen, in den Fachbereichen, in Mensen und Cafeten, im Audimax... je mehr, desto einfacher die Aktionsorganisierung). Mein Eindruck ist, dass dies nicht möglich ist, wenn ein zentrales „Streikkomitee“ den Umfang und die Art der Proteste vorgibt und kanalisiert. Das Kernproblem während solcher Protestphasen ist jedoch der Streik selbst. Die Blockierung von Seminargebäuden macht es zwar einerseits überhaupt erst möglich, dass so viele Menschen die Zeit haben, ihre Protestformen zu organisieren. Andererseits frisst eine solche Koordinierung natürlich auch viele menschliche Ressourcen, die Türen blockieren, statt inhaltliche Arbeit machen zu können. Auf jeden Fall scheint mir auch die zentrale Organisierung eines Streiks gegen den Willen einer großen Zahl von Studierenden ein Problem zu sein. Die Beschlussfassung hierfür erfolgt immer in einer Vollversammlung (VV), die allein schon aus Platzgründen, aber auch durch die Zahl der Anwesenden die Studierenden kaum repräsentieren kann. In Gießen gab es im Wintersemester 2003 ca. 30.000 Studierende (nach Einführung der Gebühr für Langzeitstudierende dürften es weniger sein). Zu Hochzeiten des Streiks versammelten sich im Audimax, im Foyer und auf dem Platz davor, also unter freiem Himmel, ca. 3.000 Studierende, und es wurden vor allen Dingen so viele, weil auch die Gegner des Streiks verstanden hatten, dass die VV das streik-entscheidende Gremium war. Es folgten stundenlange Abstimmungsschlachten per Hammelsprungprinzip, den Auszählenden wurde immer wieder vorgeworfen, sie manipulierten die Zählung, um einen Streik fortzusetzen, es gab meterlange Schlangen vor den Mikros, um gegen oder für einen Streik zu argumentieren, und je nach Ergebnis war jeweils die eine Hälfte der Abstimmenden frustriert, weil ihre Ansicht nur ganz knapp nicht durchgekommen war. Selbst wenn eine Fortführung der Bestreikung beschlossen wurde, fingen die Probleme ja erst an, weil nur einige der für den Streik stimmenden sich auch tatsächlich einfanden, um einen Streikposten zu übernehmen. Langes Procedere kurzer Sinn: Nur unter Betrachtung durch eine bestimmte ideologische Brille, nämlich die der (Basis-) Demokratie, ist es überhaupt möglich, eine „Wahl-“-Beteiligung von höchstens 10 % als repräsentativ für eine große Masse von Menschen anzusehen. Die Argumentation, dass der Streik nur etwas „bringt“, wenn alle mitziehen, bzw. wenn die die sich nicht beteiligen wollen auch bestreikt werden, um ein geschlossenes Bild nach außen zu demonstrieren, hat statt einer Einigung die Spaltung der Studierenden zur Folge und zermürbt die Protestenergie. Es müsste überhaupt keine zentrale Entscheidung getroffen werden, weil die Ausführung sowieso bei den Posten der einzelnen Gebäude liegt. Und wenn sich niemand bereit erklärt, die Einhaltung des Streiks zu überwachen, nutzt alles nichts, auch wenn die VV das beschlossen hat.
Als Kompromissvorschlag könnte es z.B. gebäudeweite VVs geben, die dann für sich und nur für sich beschließen, ob sie es bestreiken wollen oder nicht. Selbst wenn es dann ganz unterschiedliche Ergebnisse der einzelnen VVs gibt (die einen beschließen einen unbefristeten Streik, andere erklären die Räume für "angeeignet" – für ein offenes Lernen „von unten“, wieder andere verlegen ihren Fachbereich in die Innenstadt und wahrscheinlich werden sich einige gegen das alles entscheiden, oder jede Woche entsteht wieder eine neue Idee, statt „möglichst lange durchzuhalten“), ist das Protestpotential dann immer noch oder gerade dann größer als mit demokratisch durchgesetzten Entscheidungen von 51 gegen 49 %. Grundsätzlich sollten Entscheidungen jedoch immer nur von den Menschen und für die Menschen getroffen werden, die sie auch tatsächlich tragen und ausführen wollen. Sonst fehlt die Gleichberechtigung und es entsteht nur Unzufriedenheit, vor allem in Prozessen, in denen mensch sich die Entscheidungsstrukturen selbst geben kann, statt sie von „den Großen“ abzuschauen, wie z.B. bei Studiprotesten. Eine uniweite VV sollte nur zum Informationsaustausch, für Ankündigungen und evtl. als Sammelpunkt für größere Aktionen dienen. Alles andere kann sie nicht leisten. Und auch für fachbereichsweite Entschlüsse wäre es interessant über Alternativen nachzudenken, mit denen alle leben können. Die Durchsetzung einer sogenannten Mehrheit gegenüber einer sogenannten Minderheit ist immer ein unbefriedigendes Ergebnis für eine gleichberechtigte, emanzipatorische Gesellschaft. Für alle Veranstaltungen und Treffen ist es deshalb wichtig, höchstes Augenmerk auf die Entwicklung hierarchiearmer/-freier, gleichberechtigter und kreativer Diskussions- und Arbeitsformen zu legen. Fish Bowl statt Podium für Streitdiskussionen, Kleingruppen statt Plena, Open Space statt Vortrags-Aneinanderreihung, um nur einige Beispiele zu nennen.
Ein Beispiel dafür, was an Visionen aus einem Streik heraus verwirklicht werden kann, ist die Offene Uni Berlins (OUBs), ein seit dem Wintersemester 2003 besetztes und von Studierenden selbst verwaltetes Uni-Gebäude für alternative Veranstaltungen und Treffen: www.selber-denken.net.ms.
Simone Ott
(zusatz von apk: der aktuelle link lautet u.a.
und das wiki der OUBS, das über die hauptseite dieser seite hier erreicht werden kann: hauptseite - dann über portal "alternative unis" --> dann zum OUBS-wiki klicken. ich setz den link hier für euch ein, ist aber extra service und nur ausnahmsweise. ihr findet´s wirklich auch über die hauptseite.)
Referenzliteratur zu diesem Kapitel
Andreas Keller: Hochschulreform und Hochschulrevolte. Selbstverwaltung und Mitbestimmung in der Ordinarienuniversität, der Gruppenhochschule und der Hochschule des 21. Jahrhunderts, BdWi-Verlag, Marburg 2000; ISBN: 3-924684-91-x.
AStA der Universität Hildesheim (Hrsg.): Das Hochschulstreik-Handbuch von A bis Z, Hildesheim 1996/1997; kostenlos zu bestellen beim freien zusammenschluss von studentInnenschaften.
AStA der Freien Universität Berlin (Hrsg.): Kulturrevolution und Befreiung. Analyse der StudentInnenbewegung an der Freien Universität Berlin im Wintersemester 1988/1989, AStA-Druck, Berlin 2003; ISBN: 3-926522-19-4.
AStA der Freien Universität Berlin (Hrsg.): Von der Freien zur Kritischen Universität. Geschichte der Krise an der Freien Universität Berlin, AStA-Druck, Berlin 2003; ISBN: 3-926522-17-8; im Internet unter: http://www.astafu.de/inhalte/publikationen/hopo/ku.
B. Landefeld, H. Lederer, S. Lehndorff: Der Streik. Lehren aus dem 1. nationalen Studierendenstreik Wintersemester 1977/1978, Weltkreis-Verlag, Dortmund 1978; ISBN: 3-88142-192-0.
Reader zum Basiskongress „Bildung und Gesellschaft“ vom 8. bis 11. Januar 1998 an der TU Berlin (sowie den 98er-Streiks) unter: http://www.bug.tu-berlin.de/Reader/; hier explizit das Kapitel „Protestorganisation“ (http://www.bug.tu-berlin.de/Reader/ch.htm) beachten.
