Bertelsmann – ein Medienkonzern und die Hochschulreform
Aus Bildungswiki
Die Einführung von Studiengebühren haben wir nicht zuletzt dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) zu verdanken. Über seine Mitarbeit in diversen Bildungs- und Hochschulkommissionen von Landesregierungen und Stiftungen, über seine berüchtigten manipulativen Umfragen, über Preisverleihungen und seine Hochschulrankings ist es dem CHE in den letzten zehn Jahren gelungen, eine echte inhaltliche, öffentliche Debatte über die Reform des Hochschulwesens zu vermeiden und durch kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit die Entdemokratisierung und die Einführung marktwirtschaftlicher Prinzipien an den Hochschulen anzuschieben. Dabei handelt das CHE im Interesse und mit medialer Unterstützung des Bertelsmann-Konzerns, eines der größten Medienimperien der Welt. Denn Hauptgeldgeber und Initiator des CHE ist die Bertelsmann Stiftung. Diese ist wiederum Haupteigentümerin des Konzerns und zudem personell eng mit ihm verwoben. Im übrigen spart der Konzern durch die Stiftung deutlich mehr Steuern, als die „gemeinnützige“ Stiftung für ihre neoliberale Reformpropaganda à la CHE wieder reinvestiert. Dafür fehlt dann angeblich Geld in den öffentlichen Kassen, um Kindergärten und Unis zu finanzieren.
Bertelsmann und andere große Konzerne machen sich weltweit für die Umstrukturierung und Privatisierung des Bildungswesens stark, um neue Märkte zu erschließen und "geistiges Eigentum" und „Bildungsdienstleistungen“ gewinnbringend verkaufen zu können. Dabei geht es kaum um das Gemeinwohl. Selbst schlichter Gewinn reicht nicht aus. Bertelsmann beispielsweise fordert von seinen Managern, einen Kapitalertrag von exorbitanten 15 Prozent pro Jahr zu erwirtschaften. Wo sich diese Unternehmen engagieren, geht es also darum, richtig Kohle zu machen. Und der globale Bildungsmarkt, einmal privatisiert, hat ein geschätztes Volumen von 2200 Mrd. US-Dollar pro Jahr.
Ziel ist eine grundlegende Umstrukturierung der Bildungssysteme in globalem Maßstab, mit bisher kaum absehbaren Folgen für die Gesellschaft. Denn im Bildungswesen geht es, wie in der Medienwelt, um etwas sehr Grundsätzliches. Es geht um Einfluss auf unsere Köpfe. Wer kontrolliert in Zukunft, welche Art von Wissen an den Universitäten produziert und gelehrt wird, welches Wissen überhaupt zugänglich ist – und welches nicht, wer sich dieses Wissen leisten kann, welche Bücher in den Bibliotheken verfügbar sind und zu welchem Preis? Darüber zu bestimmen, ist für große Konzerne, von denen viele längst mächtiger sind als manche Staaten, hochinteressant.
Um die Gefahren deutlich zu machen, die in unkontrollierter privater Medienmacht und einer ihr folgenden Ausrichtung des Bildungswesens nach Marktkriterien liegen, sei hier bemerkt: Bertelsmanns RTL macht die größten Profite nicht mit Qualitätsfernsehen, sondern mit Sendungen wie „Big Brother“ und „Deutschland sucht den Superstar“. Auch Berlusconi ist letztlich das zweifelhafte Produkt eines (Medien-) Marktes. Und Ignacio Ramonet meint: „Der Handel mit Informationen hat sich verändert: Vorher verkaufte ein Medium Informationen an Menschen. Heute verkauft man Menschen an die Inserenten.“ Denn längst sind beispielsweise Zeitungen in viel höherem Maße finanziell abhängig von Anzeigenkunden, sprich großen zahlungskräftigen Konzernen, als von den AbonnentInnen. Auf das Hochschulwesen übertragen heißt das: Bildungsunternehmen auf dem globalen Bildungsmarkt von Morgen verkaufen nicht Bildung an StudiengebührenzahlerInnen, sondern in Wirklichkeit Studierende an zahlungskräftige Investoren - wenn auch erst die Einführung von Studiengebühren diese Investitionen profitabel macht. Nicht wir werden die KundInnen der Hochschulen von Morgen sein, sondern die Hochschulen werden Dienstleistungen für die Wirtschaft erbringen. Oder wie es Peter Sutherland, Gündungsgeneraldirektor der Welthandelsorganisation WTO ausdrückte: "Die Verantwortung für die Ausbildung muss ein für alle mal der Industrie unterstellt werden ... Bildung sollte als Dienstleistung für die Wirtschaft verstanden werden."
Weil wir dann ja so nett sind und unser Studium mit lebenslanger Schuldknechtschaft selbst finanzieren, spart der öffentliche Sektor Ausgaben, die er dann zum Beispiel nicht als Steuern von Konzernen erheben muss, bzw. die Banken verdienen noch an den Bildungskrediten – haben also entsprechend mehr Kapital zur Verfügung, das sie dazu verwenden können, Studierende und Forschungsprojekte nach Maß einzukaufen, wann und wie es Ihnen gerade in den Kram passt. Alles Wissen, jede Information und Bildung, alle Menschen, alles was sich nicht in Profite für Konzerne umwandeln lässt, wird dann in die Röhre gucken.
Auf einen solchen Zustand arbeiten Bertelsmann und das CHE hin. Motor dabei sind allgemeine Studiengebühren, die das Hochschulwesen erst für Investoren profitabel machen. Auch deswegen müssen wir Studiengebühren um jeden Preis verhindern, bzw. schnellstmöglichst wieder abschaffen.
Wiebke Priehn, Hamburg
Quellen:
- Martin Bennhold: Die Bertelsmann Stiftung, das CHE und die Hochschulreform: Politik der ´Reformen´ als Politik der Unterwerfung, Opladen 2002, [[1]]
- Laurence Kalaftidés: Education: on the ropes. The Guardian, 16.11.2001, [[2]]
- Education is not for sale!: Aufruf für eine EU-weite Protestkampagne 2002, [[3]]
- Ignacio Ramonet: Die Krise der Medien und die fünfte Macht, Die Wochenzeitung, 02.06.2005, [[4]]
- Florian Rötzer: "Ohne Bertelsmann geht nichts mehr." Ein Gespräch mit Frank Böckelmann über die stille Macht des Medienkonzerns und die Privatisierung der Politik. Telepolis 09.11.2004, [[5]]
- Oliver Schöller: Bertelsmann geht voran. Zur gesellschaftspolitischen Bedeutung eines deutschen Think Tank. UTOPIE kreativ, H. 155 (September 2003), S. 803-811, [[6]]
- Oliver Schöller: "Geistige Orientierung" der Bertelsmann-Stiftung. Beiträge einer deutschen Denkfabrik zur gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit. In: Prokla 122, 2001, Nr.1, S. 123-143.
- Thomas Thiel, Ulrich Raulff: Bertelsmann in Deutschland. Art Pseudodemokratie. Die Großmacht aus Gütersloh: Über die ethische Selbstüberhöhung eines Medienkonzerns und die Privatisierung der Politik - ein Gespräch mit Publizist Frank Böckelmann. Sueddeutsche 27.09.2004, [[7]]
