Benutzer:Wilde 13
Aus Bildungswiki
Was ist Rassismus?
Rassismus ist ein Prozess in Form der Integration und Ausgrenzung von gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Strukturen. Die Entwicklung rassistischer Ideologien dient als Rechtfertigung und zur Erhaltung der aktuellen Machtverhältnisse im jeweiligen historischen Kontext und ist einer permanenten Veränderung unterworfen.
Hierbei werden Menschen aufgrund realer oder fiktiver Merkmale physiognomischer oder kultureller Art oder mittels ethnischer, nationaler oder religiöser Zugehörigkeit in angeblich naturgegebene Gruppen – so genannte „Rassen“ – eingeteilt und diese hierarchisiert. Den so zugeordneten Individuen solcher pseudoverwandschaftlichen Gruppen werden weitere oft als unveränderbar betrachtete Eigenschaften unterstellt und zugeschrieben. Die betroffenen Menschen werden entsprechend dieser Unterstellungen beurteilt und behandelt. In der Regel wird ein Wertigkeitsgefälle zwischen den pseudoverwandschaftlichen Gruppen konstruiert.
Der „klassische“ Rassismus beruft sich vornehmlich auf biologische Unterschiede, während neuere Ausgrenzungsideologien eher die kulturellen Unterschiede betonen und damit die Überlegenheit der eigenen Gruppe begründen. Die moderne Genetik zeigte, das es keine Menschenrassen gibt, sondern nur eine Spezies Mensch. So erteilt auch die „Unesco-Erklärung gegen den „Rasse“-Begriff“ den Begriff „Rasse“ eine klare Absage, die im Vorfeld der Unesco-Konferenz „Gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung“ am 8. und 9. Juni 1995 entstand. Sie wurde auf einer wissenschaftlichen Arbeitstagung unter der Leitung des Wiener Anthropologen Univ. Prof. Dr. Horst Seidler von den dort anwesenden internationalen Fachleuten einstimmig verabschiedet. Zitat aus der „Unesco-Erklärung gegen den „Rasse“-Begriff“: „Im Einzelnen können zwischen den menschlichen Populationen, einschließlich kleineren Gruppen, genetische Unterschiede festgestellt werden. Diese Unterschiede vergrößern sich im Allgemeinen mit der geographischen Entfernung, doch die grundlegende genetische Variation zwischen Populationen ist viel weniger ausgeprägt. Das bedeutet, dass die genetische Diversität beim Menschen gleitend ist und keine größere Diskontinuität zwischen den Populationen anzeigt. Befunde, die diese Schlussfolgerungen stützen, widersprechen der traditionellen Klassifikation in `Rassen´ und machen jedes typologische Vorgehen völlig unangemessen. Darüber hinaus hat die Analyse von Genen, die in verschiedenen Versionen (Allelen) auftreten, gezeigt, dass die genetische Variation zwischen den Individuen innerhalb jeder Gruppe groß ist, während im Vergleich dazu die Variation zwischen den Gruppen verhältnismäßig klein ist. Es ist leicht, zwischen Menschen aus verschiedenen Teilen der Erde Unterschiede in der äußeren Erscheinung (Hautfarbe, Morphologie des Körpers und des Gesichts, Pigmentierung etc.) zu erkennen, aber die zugrunde liegende genetische Variation selbst ist weniger ausgeprägt.“ Der „klassische“ Rassismus diente der Rechtfertigung des Kolonialismus, der Sklaverei, der Verbrechen der Nazis oder des Apartheitsregimes.
Auf der Handlungsebene ist jede Praxis, die aufgrund physiognomischer Merkmale und/oder ethnischer Herkunft und/oder kultureller Merkmale (Sprache/Name) und/oder religiöser Zugehörigkeit Menschen Rechte vorenthält, sie ungerecht oder intolerant behandelt, demütigt, beleidigt oder an Leib und Leben gefährdet, als rassistische Diskriminierung zu bezeichnen. Rassistische Diskriminierungen können, müssen aber nicht ideologisch begründet sein bzw. anhand einer Theorie gerechtfertigt werden.
Folgende Formen des Rassismus können unterschieden werden:
• Rassistische Vorurteile: Vorgefertigte Meinungen mit normativen Gehalt gegenüber einer anderen Gruppe bzw. einem Individuum, weil es zu dieser Gruppe gerechnet wird. Beispiel: Person A denkt, dass Person B die Eigenschaft X hat, weil sie zur pseudowissenschaftlichen Gruppe Y gerechnet wird.
• Rassistische Diskriminierung: Die unterschiedliche Behandlung von Menschen aufgrund äußerliche Merkmale.
• Institutioneller Rassismus (strukturelle Diskriminierung): Unterschiedliche Behandlung von Menschen durch öffentliche Stellen und große Organisationen aufgrund der Zugehörigkeit zu pseudoverwandschaftlichen Gruppen und/oder äußerlicher Merkmale. Z.B. Aufenthaltsstatuen, Asylgesetze aufgrund von Gesetzen.
• Pseudowissenschaftliche „Rassen“-Theorien: Im Interesse politischer Kräfte werden scheinwissenschaftliche Theorien entwickelt, die die Überlegenheit einer Gruppe über eine andere untermauern sollen, z.B. die Hamitentheorie des Afrikanisten Carl Meinhof oder die Rassenlehre des Nationalismus.
• Kultureller Rassismus: Der moderne Rassismus ist eine vergleichsweise junge Variante geht von einer Unvereinbarkeit von so genannter ethnischer Gruppen aus. Stichwörter dabei sind z.B. kulturelle Differenzen, Verlust der eigenen kulturellen Identität bei zu starker Zuwanderung, „Leitkultur“-Debatte. Von einer Hierarchie dieser ethnischen Gruppen wird dabei nicht gesprochen, dafür umso entschiedener darauf hingewiesen, dass Konflikte zwischen diesen Gruppen quasi vorprogrammiert sind, weshalb besser gleich jede Gruppe auf ihrer heimischen Scholle leben sollte. Die Verteidigung der eigenen kulturellen Identität gegenüber den vermeintlich Fremden, erscheint dabei als natürliche Regung „des“ Menschen. Das soziale Konstrukt der Ethnie (wobei Menschengruppen sich tatsächlich über solche Konstruktionen definieren können) wird dabei zu einem primären Bezugsrahmen gemacht, aufgrund dessen In- und Ausschluss betrieben wird. Die Schaffung einer kollektiven Identität über die „Nation“ funktioniert gerade über die Betonung unüberbrückbarer Differenzen besonders gut. Etienne Balibar hat in diesen Zusammenhang den Begriff des „Neorassismus“ geprägt.
Zu diesem Rassismuskonzept gehört auch der Ethnopluralismus der Neuen Rechten um Alain de Benoist. Alain de Benoist leitet aus den kulturellen Unterschieden eine Bedrohung der kulturellen Identität ab. Die als „fremd“ erfahrene Kultur erscheint Benoist generell als unvereinbar mit der eigenen. Er besteht deshalb auf einem „Recht auf Differenz“ und auf „kulturelle Selbstbehauptung.“
Gewaltätige Neonazis in Ost- und Westdeutschland schreiten Anfang der 90er gegen die angebliche Überfremdung zur Tat und begehen brutale Überfälle auf Menschen mit fremdländischen Aussehen und Brandanschläge, bei denen viele Menschen den Tod finden. Die Städtenamen Solingen, Mölln, Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda haben sich für solche Pogrome eingeprägt.
Als bei den Montagsdemonstrationen 1989 in Leipzig immer mehr Deutschlandflaggen zu sichten waren und die Teilnehmer „Deutschland den Deutschen“ skandierten, wurden im Wiedervereinigungseuphorie diese rassistisch Töne meist nur als legitimer Impetus wahrgenommen.
• Alltagsrassismus ist die Übernahme von Rassismus in alltäglichen Situationen durch Denk- und Handlungsformen, die die dahinter liegenden Machtstrukturen stabilisieren und rechtfertigen. In dieser Form wird Rassismus nicht mehr hinterfragt, sondern von herrschenden Gruppen als „normal“ hingenommen.
Die Entstehung und Geschichte des Begriffes „Race“ (Rasse)
1.1 Die Herleitung des Begriffes „Rasse“
Die Herleitung des Wortes „Rasse“ ist unklar. Es existieren mehrere Theorien darüber, von welchem Wort der Begriff abstammen soll.
Im Lateinischen gibt es drei verschiedene Möglichkeiten für den Ursprung des Begriffes: „ratio“= Natur/Wesen, „radix“ = Wurzel, „generatio“= Zeugung.
Einige SprachtheoretikerInnen nehmen an, dass das Wort „Rasse“ eher aus dem slawischen Sprachraum stammt, z.B. „raz“ = Schlag/Gepräge. Andere vermuten den Ursprung des Wortes „Rasse“ im Arabischen von „râz“ = Ursprung/Führer/Kopf und wieder andere im Germanischen von „reiza“ = Linie.
1.2 Die ersten Rassentheorien
In der Aufklärung bildeten sich in der Wissenschaft Anthropologie, Philosophie, Physognomik und Phrenologie, eine pseudowissenschaftliche Lehre, die Zusammenhänge zwischen Charaktereigenschaften und Schädelformen nachzuweisen versuchte, als Disziplinen heraus. Am Ende des 17. Jahrhunderts wurde dann „Rasse“ als naturwissenschaftlicher Begriff eingeführt und zur Kategorisierung anhand von äußeren Merkmalen in Tiergruppen und Menschengruppen verwendet.
Insbesondere der US-amerikanische Historiker George Mosse veranschaulicht in seine Arbeit die Enge Verknüpfung zwischen der Kategorie „Rasse“ und der Entwicklung der Wissenschaften im 17. und 18.Jahrhundert. Im Zusammenhang mit dem europäischen Kolonialismus und ökonomischen Interessen wurden „fremde Rassen“ Gegenstand des Erkenntnisinteresses, der erst dazu führte, Fragestellungen, Methodik und Instrumente der Forschung und damit die Disziplinen selbst zu entwickeln.
Die Ideen der Freiheit und Toleranz, aber auch die Rassenhierarchiesierung, wobei der Vorrang meistens der „weißen Rasse“ gebührte, entwickelten sich gleichzeitig. So wurde einerseits Kritik an den herrschenden Mächten, absolutistische Monarchien, und Glaubenssätze des Christentums im Namen der Gedankenfreiheit geübt, während andererseits die Kategorisierung der Menschheit im Geiste der entstehenden Naturwissenschaften vorgenommen wurde. Die Unterscheidung von Zivilisierten und Wilden bzw. Barbaren findet sich dabei in der Hierarchie der Rassen wieder, die der europäischen Expansion als Kompass diente. Die entstehenden wissenschaftlichen Disziplinen lieferten ihr die philosophische Legitimation und entwickelt ein abgestuftes Tableau von Entwicklungsstadien, das gleichzeitig eine Annahme über die Geschichte der Menschheit widerspiegelt und die Menschen der verschiedenen Kontinente unterschiedliche Befähigung zur Kultur unterstellt, um sie anschließend in angebliche natürlich bestimmte Gruppen zu gliedern.
Die folgenden Aussagen zeigen neben dem Apostel der Toleranz den Rassisten Voltaire und sind ein Beispiel für die entgegensetzten Strömungen der Aufklärung:
„Wir sagen, dass sie Menschen sind wie wir, dass sie von einem Gott, der für sie starb erlöst werden, und wir halten sie wie Lasttiere zur Arbeit an, man ernährt sie schlechter als diese. Wollen sie fliehen, so hackt man ihnen ein Bein ab. Und bei dem wagen wir, von Menschenrechten zu sprechen!“ Im Gegensatz zu: „Die Rasse der Neger ist eine von der unsrigen völlig verschiedene Menschenart, wie die der Spaniels sich von den Windhunden unterscheidet … Man kann sagen, dass ihre Intelligenz nicht einfach andersartig ist als die unsrige; sie ist ihr weit unterlegen.“
Die Pioniere dieser Katalogisierung und Klassifizierung waren Linne`, Buffon, Herder und viele andere. Die Skala reichte vom Schreckenerregenden bis zum Vollkommensten, vom Monstrum zum Europäer. Einer Vielzahl der Listen wurden Werturteile zugefügt.
1.2.1 Francois Benier – Die ersten wissenschaftlichen „Rasse“ – Einteilungen
Als Erster wendete der Arzt und Indienreisende Francois Bernier (1620-1688) in seinem Beitrag „Nouvelle division de la Terre, per les differentes Espe`ces ou Races d`hommes qui`habitent, envoyee` par unfameux Voyageur a` Monsieur …a` peu pre`s en ces termes » für das Journal des Scavans (vol.12, S.133-140) vom 14. April 1684 das Wort „race“ – als Synonym von espece`ce, Gattung, Art – auf den Menschen an. Beide Begriffe beziehen sich auf die äußere Erscheinungsform des Menschen. Benier bestimmte vor allem die morphologischen Kriterien von Haarbildung, Gesichtsform und Hautfarbe. Hiernach unterschied er vier „Arten“ oder „Rassen“: Europäer, Ostasiaten, Schwarze und – die Lappen.
1.2.2 Gottfried Wilhelm Leipniz
Bereits Philosoph Gottfried Wilhelm Leipniz (1646-1716) wandte gegen die Aufteilung in Rassen ein, dass äußerliche Unterschiede kein Grund seien, um nicht von einem einzigen Menschenschlag zu sprechen, denn diese Unterschiede verdankten sich den Einflüssen des Klimas, wie man auch an den Tieren sehen könne (notiert von Leibniz`Eckermann, Joachim Friedrich Feller in seinem Otium Hanoveranum sive Misselanea ex ore et schedis illusdtris viri …Godofr. Guilh. Leibnitii … quandam notata et descripta, cum ipsi in colligendis et excependis rebus ad Historiam Brunsvicensem pertinentibus operam navaret, Leipzig 1718).
1.2.3 Johann Friedrich Blumenbach
Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840), ein Begründer der „ menschlichen Rassenkunde“ war in erster Linie an Schädeln zur Untermauerung seiner Theorien interessiert. Er war Professor für Medizin in Göttingen und baute dort eine reichhaltige anthropologische und ethnographische Sammlung auf. Von ihm geförderte Reisende hatten die Pflicht, anthropologische und ethnografisches Anschauungsmaterial von ihren Ausflügen in die Welt mit zubringen.
Die unterschiedlichen Schädelformen dienten ihm als Grundlage für ein Rassensystem, das nicht missverstanden sollte als biologische Typologisierung. Beschreiben ließen sich hiernach zwei „distinktive Rassen“, zwischen denen aber kontinuierlicher Übergange bestehen. In der Erstfassung seiner Dissertation „De generis humani varietate nativa“, die im Jahre 1776 in Göttingen erschien, unterteilte er die Menschheit in vier geografische „Rassen“ („Racen“ oder „Varietäten“), denen er die Hautfarben zuordnete: weiß der Kaukasischen, gelb der Mongolischen, „kupferartig“ der Amerikanischen und schwarz der Äthiopischen, d.h. Afrikanischen. Später fügte er eine Malayische (braun) hinzu. Blumenbach stand in der Tradition der Aufklärung. Die äußerlichen Unterschiede korrelierten seiner Auffassung nach anfangs mit dem Klima, hiernach fügte er weitere Einflüsse wie äußere Gestalt der Erde und Ernährung hinzu, bevor er zu einem späteren Zeitpunkt Parallelen in der Domestikation von Haustieren fand.
Blumenbach war Monogenist. Monogenisten gehen davon aus, dass die menschliche Abstammung aus einem „Stamm“ hervorging. Nur von der Auffassung, der Ursprung der Menschheit liege in Kaukasus und die „kaukasische Rasse“ sei die älteste, aus der sich alle andere durch Differenzierungen gebildet hätte, ließe sich bei ihm auf ein Primat der „weißen Rasse“ schließen.
Ansonsten verteidigte er die Gleichheit der Menschen und spottete über Personen, „die ganz ernstlich dawider protestiert haben ihr eignes werthes ich mit Negern und Hottentotten in eine gemeinschaftliche Gattung im Natursystem gesetzt zu sehen.“ Wertende und hierarchisierende Interpretationen seines Rassensystem wies er vehement von sich. Folgende Aussage spricht für sich: „Man sehr oft, aber unrecht, die Neger als Muster menschlicher Dummheit und Ungeschliffenheit aufgestellt; ich habe englische und lateinische Gedichte von Negern gelesen, deren sich wenige Europäische Dichter geschämt haben dürften, und die besten Reisebeschreiber gestehen einmüthig diesen schwarzen Völkern nicht blos lebhafte Phantasie, sehr starke Memorie, sondern schnelle Urteilskraft und überhaupt sehr viele Fähigkeiten zu“ (Einige zerstreute Bemerkungen über die Fähigkeiten und Sitten der Wilden, 1781).
Zu seinen Zeitgenossen zählen unter anderen Herder, Forster, Lichtenberg und Kant.
1.2.4 Immanuel Kant
Kant (1724 – 1804) war ebenfalls Monogenist und kann als einer der ersten großen „Race-Theoretiker“ bezeichnet werden. Sein Menschenbild, seine Vorstellung ist hierarchisch geordnet und bewertend, in manchen noch sehr theologisch anmutet (gemeinsamer Ursprung der Menschen – Teleologie der Geschichte) und von dem starren Gegensatz zwischen Zivilisierten und Wilden geprägt ist. Er geht von der Sichtweise des Europäers aus und rezipiert natur- und geschichtsphilosophische Werke, die in sein Konzept passen. Indem Immanuel Kant Geschichte als Fortschritt „aus der größten Rohigkeit (…) zur Glückseligkeit“ bestimmt und diese Entwicklung an die nach Rassen geteilte Fähigkeit bindet, „unsere Gattung von der untersten Stufe der Tierheit an allmählich bis zur höchsten Stufe der Menschheit (…) zu führen“, sychronisiert er den Prozess der Zivilisation mit dem weltpolitischen Herrschaftsanspruch der Europäer. Seine Grundannahmen über die Wilden, das sie „ohne Regel, ohne Gesetz und ohne Oberhaupt“ wären, und den verwendeten „Rassen“-Begriff verdankt er dem Naturforscher Buffon. Kant war von der klimatischen Determiniertheit bezüglich der unterschiedlichen menschlichen Fähigkeiten und der psychischen Unterschiede überzeugt. Kant machte den Begriff der „Rasse“ („Race“) in seiner Anwendung auf den Menschen im deutschen Sprachgebiet bekannt. Im Aufsatz „Von den verschiedenen Racen der Menschen zur Ankündigung der Vorlesungen der physischen Geographie im Sommerhalbjahre 1775“ stellt er seine Ideen vor: „nur die Stammbildung kann in eine Rasse ausarten; diese aber, wo sie einmal Wurzel gefasst, und die anderen Keime erstickt hat, widerstehet aller Umformung eben darum, weil der Charakter der Rasse einmal in der Zeugungskraft geworden.“ Und: „Unter den Abartungen, das ist den erblichen Verschiedenheiten der Tiere, die zu einem einzigen Stamme gehören, heißen diejenigen, welche sich sowohl bei allen Verpflanzungen (Versetzungen in andere Landstriche) in langen Zeugungen unter sich beständig erhalten, als auch, in der Vermischung mit anderen Abartungen desselben Stammes, jederzeit halbschlächtige Junge [=Kreuzungen, WP] zeugen, Rassen (…) Auf diese Weise sind Neger und Weiße zwar nicht verschiedene Arten von Menschen (denn sie gehören vermutlich zu einem Stamme), aber doch zwei verschiedene Rassen.“ Er definiert „Rasse“ in Abgrenzung zu Art, wobei die menschliche Abstammung aus einem „Stamm“ resultierte. Der Begriff der „Rasse“ umfasste die empirische Vielfalt der physischen Erscheinung des Menschen und fand überall Anerkennung. Kant untergliederte die Menschheit in vier Rassen, die den Kontinenten Europa, Asien, Afrika und Amerika entsprachen. In den Beschreibungen wies er der Bevölkerung der Erdarteile psychische Merkmale und ihnen jeweils eigentümliche Emotionen zu. Für die „Rassen“ konstituierende Faktoren waren nach ihm physische Eigenschaften, die bei der Fortpflanzung „anarteten“, d.h. genetisch bedingt waren. Diese Konzeption ist für die angeblich Weißen Versprechen und Drohung in einem. Denn wie die Vorstellung der Rassen ist sie gleichzeitig kulturalistisch und biologistisch und setzt auf die Verknüpfung von Herrschaft und Selbstbeherrschung. Zur propagierten Gemeinschaft der Kulturträger wird nur zugelassen, wer seinen Hang zu Faulheit und Untätigkeit unterdrückt. Selbst das ist für all jene, denen auch größte Anstrengungen zu keinen leidlichen Lebensverhältnissen verhalfen, ein schwacher Trost. Sie können sich an der Wut auf die schadlos halten, denen zugeschrieben wird, ihre Tage in träger und triebhafter Wildheit zu verbringen.
Exempel (siehe Werner Petermann: „Die Geschichte der Ethnologie“, 2004):
In den Aufsatz „Von den verschiedenen Racen“ (1775) beschrieb Kant folgendes System (mit Klimazuordnung):
„ Erste Race, Hochblonde (Nördl. Europäer) von feuchter Kälte.
Zweite Race, Kupferrothe (Amerik.) von trockener Kälte.
Dritte Race, Schwarze (Senegambia) von feuchter Hitze.
Vierte Race, Olivengelbe (Indianer) von trockner Hitze.“
Unter den „olivengelben Indianern“ sind die Inder zu verstehen, die hier für die Asiaten insgesamt stehen. Auch Forster z.B. bezeichnete die Südseeinsulaner (Polynesier) noch durchweg als „Indianer“.
Als „Stammgattung“ waren in dieser Ordnung „Weiße von brünetter Farbe“ vorgesehen.
Später, in den „Reflexionen zur Anthropologie“ stellt sich das Ganze etwas ausführlicher dar: „1. Americaner unempfindlich. Ohne affect und Leidenschaft als blos vor Rache. Freyheitsliebe ist hier bloße faule Unabhägigkeit. Sprechen nicht, liebe nichts, sorgen vor nichts. Mexico und Peru, nehmen kein Cultur an.“
Mexico und Peru sind hier als partielle Ausnahmen gesondert angeführt. Ansonsten haben die Indianer (umherrschweifende Jäger) keine „Cultur“, die erst mit dem Ackerbau (Agrikultur) beginnt. Eine Feststellung ist, dass Kant in diesem Aspekt bibeltreu ist – die Kain- und Abel – Geschichte dient ihm als Maßgabe.
„2.Neger, Gerade das Gegenteil: sind lebhaft, voller affect und Leidenschaft. Schwatzhaft, eitel, dem Vergnügen ergeben. Nehmen die Cultur der Knechte an, aber nicht der freyen, und sind unfähig sich selbst zu führen. Kinder.“
Hier jagt ein Aufklärungsstereotyp das andere. Besonders befremdlich mutet aus heutiger Sicht Kants Blindheit gegenüber den durch die Sklaverei geschaffenen Verhältnissen an, so wie er an anderer Stelle sagt: „Amerikaner und Neger können sich nicht selbst regieren. Dienen also nur zu Sklaven“ – gegen welches Unverständnis bereits Zeitgenossen wie der Dichter Schubart (in der Zeitschrift Teusche Chronik, 57.Stück, vom 15.07.1776) protestierten. Dass sich dergleichen philosophische Engstirnigkeit vererben kann, davon legt fünfzig Jahre später Hegel Zeugnis ab, der die Sklaverei in den „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (gehalten 1822 – 30) zu einem Charakteristikum der Afrikaner macht.
„3. Indianer[meint Asiaten]. Sind gelassen, gleichsam selbstbeherrschend, nehmen die Cultur der [Handwerks-] Kunst an, aber nicht der Wissenschaft und Aufklärung. Sind immer Schüler. Gut zu Bürgern und geduldig (emsig), aber nicht zu magistraten; denn sie kennen nur den Zwang und nicht das Recht und Freiheit. Gelangen nicht zu den Begriffen der wahren Ehre und Tugend. (…) (Chinesen – Juden und Zigeuner).“
Man sieht, der Grad der Gesittung steigt. Allerdings sind die Asiaten durch den die auf diesem Kontinent endemischen Dispositionen arg verdorben.
„4. (Weisse) Enthalten alle Triebfedern der Natur in Affecten und Leidenschaften, alle Talente, alle Anlagen zur Cultur und Civilisirung und können sowohl gehorchen als herrschen.“
Mit anderen Worten: die Krone der Schöpfung. Die Anordnung ist bei Kant formal- methodischer Nachdruck einer Hierarchie der Rassen, von der er durch und durch überzeugt war: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer [Asiaten] haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften.“ (Physische Geographie) Die Auffassung beruht auf dem Klimadeterminismus und der davon abgeleiteten „Hemisphären-Theorie“ – der für Kant sehr wichtige Buffon dürfte dabei prägend gewirkt haben, obgleich für Buffon äußerliche Merkmale wie die Hautfarbe veränderlich waren, eben weil sie entscheidend von Klima und Umwelt beeinflusst wurden; änderten sich diese, veränderten sich auch die Merkmale. Schließlich hat für Kant aber auch das altbekannte „Ziel der Geschichte“ ein gewichtiges Wörtchen mitzureden, denn: „Alle Racen werden ausgerottet sein (…), nur nicht die Weisen“ (Reflexionen). Ohne jetzt gleich der Vermutung anheim zu fallen, Kants Rassentheoreme hätten späteren Kolonialoffizieren und –beamten zur bevorzugten Lektüre gedient, geben sie doch eine treffliche Vorlage für die koloniale Ideologie des 19. Jahrhunderts ab.
1.2.5 Christopf Meiners
Christoph Meiners (1747 – 1810), der seit 1772 Professor der Philosophie in Göttingen war, beschäftigte sich in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts mit „Menschheitsgeschichte“ (d.h. nach heutiger Auffassung Anthropologie und Ethnologie) und viele seiner Publikationen riefen heftigsten Protest bei seinen bekannteren Zeitgenossen hervor. Dennoch wurden seine Texte in weiten Kreise gelesen und er verstand es, für die Differenzierung der bisherigen Universal- und Naturhistorie in zahlreiche Einzeldisziplinen wie Geografie, Geschichte, Philologie, Statistik und Botanik zu werben. Sein Hauptwerk „Grundriß der Geschichte der Menschheit“ hinterließ kein uniformes Bild. Einerseits war er ein streng konservativer Denker. Er ging von der naturgegebenen Richtigkeit alles Bestehenden aus, inklusive der Sklaverei und dem politischen Status quo in Form von Adelsherrschaft und Ständestaat. Er wollte Ordnung in die ethnische Unordnung der Welt bringen. Er fasste die Unterscheidung zwischen den Menschen wie die zwischen Tiere auf und bezog sich immer wieder auf Linnes Klassifikationsmodell als Vorbild. Demzufolge systematisierte er Menschen sowie Tiere in „Rassen“, um die Ungleichheit (weil Ungleichartigkeit) zu bewerten. Den heutigen biologischen Deterministen dürften Meiners Überzeugungen aus der Seele gesprochen sein, in dem er sagt, dass Kultur grundsätzlich (d.h. in ihren spezifischen Ausprägungen) in der „Absicht der Natur“ liege, daher auch Naturgesetzen folge. Was den Menschen, Individuen wie Völkerschaften, an Eigenheiten gegeben sei - ob Äusserlichkeiten wie Hautfarbe und Physiogonomie oder „Fähigkeit und Gemüthsart“ – ist für Meiners Teil der Erbanlagen. Zunächst lässt Meiers sich als Monogenist beschreiben, geht aber recht bald zu der Auffassung über, dass sich die rassischen und regionalen Unterschiede nur durch polygenetische Neuschöpfung erklären ließen. Meiers unterschied folgende rassistisch „korrelierte“ Kulturstufen: „Wilde“ (schwarz, rot und gelb/Jäger und Fischer), „Barbaren“ (schwarz, rot und gelb/ Hirtennomaden), „Halb Aufgeklärte“ (schwarz und gelb/ Nomaden und Sesshafte) und „Aufgeklärte“(weiße/Ackerbauern). Als letztere kamen nur Griechen, Römer und christliche Europäer in Betracht, „Halb Aufgeklärte“ waren die meisten Asiaten, die Südseeinsulaner und unter den Amerikanern die Peruaner und Mexikaner. Zu den „Barbaren“ zählte er neben eurasiatischen Völkerschaften wie Finnen, Lappen, Samojeden, Kalmücken auch die Araber (= Beduinen) und Kurden und sogar die Hottetotten und „Caffern“ (=Südostbantu). Der große Rest der „Wilden“ verteilte sich auf Amerika, Afrika, die arktischen Regionen und Sibirien, Südasien und die Südsee. Als besondere Schmankerl findet man hierunter allerdings auch Kosacken und die Isländer. Als Unterscheidungskriterien legte Meier binäre Kategorien fest, die sich durch Generalisierungen hervortaten, z.B. schön/hässlich, hell/dunkel, hager/fett und groß/klein. Hinzukamen Haarwuchs, Kopfform, Physiognomie und Geisteskraft. Den Unterscheidungskriterien ordnet er noch Eigenschaften und Charakterzüge zu. Zudem idealisierte er den nordischen Menschen und plädierte für „Rassenreinheit“. Seine Thesen wollte er mit möglichst vielen Fakten untermauern, scheiterte aber, weil er vorging wie ein Enzyklopädist alter Schule. Er beobachtete und verglich isolierte kulturelle Phänomene. Die Vorgehensweise schließt ein, dass sich auf solche Weise alles beweisen lässt. Dennoch machte er auf die ethnische Vielfalt der Weltbevölkerung und ihre Besonderheiten aufmerksam und griff die Stufentheorie der Entwicklung an. Er lehnte (nicht nur?) die Gesetzmäßigkeit der Übergänge von einer Wirtschaftsform zur nächst Höheren ab (insbesondere den vom Hirtennomaden zum Feldbau), sondern überhaupt das Postulat einer unilinearen Entwicklung. Eine seiner Erkenntnisse war die Feststellung der geschlechtlichen Arbeitsteilung, die bis dahin keine Beachtung gefunden hatte (das klingt spannend, bleibt ir ber unverständlich. Was hat er erkannt?. An Meiners ist zu erkennen, dass er Ethnologe und Rassentheoretiker in einer Person verkörperte, so dass in seiner Wissenschaft alles zusammenpasst. Die Widersprüche sind vermutlich nicht größer als bei vielen anderen, die sich unter dem Banner der Aufklärung zu Wort gemeldet haben.
Zur Kritik an den Begriff der „Rasse“
Ironischerweise war Johann Gottfried Herder (1744 – 1803), einer derjenigen, die den Begriff „Rasse“ als nicht nur als „unedel“ ablehnten, sondern gar nichts mit ihm anzufangen wussten. Ihm widerstrebte der monokausale Ansatz Kants: die menschliche Verschiedenheit hänge von sehr viel mehr Faktoren ab als von der Hautfarbe und einigen anderen physischen Merkmalen. Aber selbst die äußeren Erscheinungsformen zeigten so viele Variationen, Nuancen, Graduationen und Übergänge, dass sie ihm eine analytische sinnvolle Abgrenzung zwischen einzelnen „Rassen“ (wie sie für Kant feststand) unmöglich erscheinen ließen – wodurch der Begriff der Rasse überflüssig werde. Herder verteidigte das Recht der vielen Kulturen auf das Leben in je eigener Würde in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“: „Da die große Mutter auf unserer Erde kein ewiges Einerlei hervorbringen konnte noch mochte: so war kein anders Mittel, als dass sie ungeheuerste Vielerlei hervortrieb und den Menschen aus einem Stoff webte, dies große Vielerlei zu ertragen.“ Die allen Menschen prinzipiell möglichen Seinsweisen werden durch Zeit und Gelegenheit konkretisiert. „Man bildet nichts aus, als wozu Zeit, Klima, Bedürfnis, Welt, Schicksal Anlass gibt.“ Damit sind bei Herder immer Kulturlandschaften verbunden, in denen die Menschen im Laufe vieler Generationen sich positioniert haben und über deren Gepräge sie sich genauso wenig voluntaristisch hinwegsetzen können wie über die Geographie und das Klima. Damit müssen sich alle Universalisten auseinander setzen. Trotz der Zurückweisung des Begriffes „Rasse“, weiß er trotzdem Völker und Nationen nach natürlichen und kulturellen Eigenschaften zu unterscheiden und bewerten. Er entwirft so auch ein rassistisches Konzept ohne den Begriff „Rasse“ zu verwenden. So hätten es zwar die Chinesen zu einiger Bildung gebracht, aber „nach europäischen Maßstab in Wissenschaften wenig erfunden.“ In fast „allen Künsten“ mangele es ihnen „am geistigen Fortgang und am Triebe zur Verbesserung.“ Ihre Moral sei nur ein „Kinderversuch“ des Verstandes. Nach Herder bedürfe es zu höheren Taten anderer Voraussetzungen. Eine ähnliche Argumentation entwirft Herder auch für die Slawen. Sie „nehmen auf der Erde größeren Raum ein, als in der Geschichte.“
Kant kann als einer der ersten großen „Race-Theoretiker“ bezeichnet werden und es lässt sich logisch vorführen, wie Kant zum Vorläufer der Rassentheoretiker wurde. Die Kontingenz der geschichtlichen Abläufe und Inhalte wird aber leicht unterschätzt. Verständnis des Möglichkeitsreichtums unseres gegenwärtigen Handelns bleibt aber jenen versperrt, die annehmen, dass das was folgte, folgen musste. Die heutige Physische Anthropologie verwehrt sich gegen den Begriff der „Rasse“, denn bei der Spezies Mensch ist es zu keiner Differenzierung gekommen, die den Tieren feststellbaren (woher die Analogie gekommen ist) <- diese klammer ist überflüssig, das hast du bereits dargelegt) vergleichbar wäre.
Der (wissenschaftliche) Rassismus des 19. Jahrhundert berief sich in der Tat (bis zur Entdeckung der Vererbungslehre) auf die polygenetisch argumentierenden Vorläufer, z.B. Meiners. In der Aufklärung setzten sich die konservativen Tendenzen durch. Sie kündigten die von nationalistischen Ideologien und im imperialistischen Machtdenken geprägten geistigen Haltungen der kommenden Jahrzehnte an. Manche fundamentalistischen Kirchen berufen sich bis heute auf die polygenetischen Vorläufer des 18.Jh. oder griffen diese wieder auf. Sie nehmen die Polyphylie als gegeben und benutzen sie zur – ideologischen – Festschreibung biologischer Andersartigkeit der „Rassen“, so z.B. die in den USA populäre „Church of the Creator“.
Literatur:
• Hund, Wulf D.: „Geschlecht, Klasse, Nation, Kultur und Rasse“ In: „Rassismus in Kontext“; 2002. S. 16 ff • Peter, Werner: „Die Geschichte der Ethnologie“, Wuppertal 2004. • Balibar, Etienne/Wallenstein, Immanuel: „Rasse, Klasse, Nation“, Kapitel 1: „Gibt es einen Neorassismus?“, 1990. • Zinflou, S.: „Theorie gegen Rassismus“ In: „Lotta“ Nr. 14, Herbst 2003. • Wörterbuch für Sozialpolitik, http://www.socialinfo.ch. • Wikipedia, http://de.wikipedia.org • IDGR-Lexikon
